In der NZZ am Sonntag ist heute ein Artikel über Weblogs mit dem Titel So wird die Welt aus den Angeln gebloggt
zu lesen.
Die Journalistin Larissa Bieler ist auf der sicheren Seite, weil sie alle die Geschichten aus den USA erzählt (Rather, Jordan, 11. September, US-Wahlen), die schon 100-mal wiederholt wurden und einen Artikel über Weblogs sicher gelingen lassen.
Aussagen, die mir nicht gefallen:
- Die Schweizer Blogger schlafen noch.
- Die grosse Masse erlangt weder Bekanntheit noch Kultstatus (als sei dies das erklärte Ziel).
- In Europa feiert die Blogosphäre erste Erfolge (was ist ein
Erfolg
?) - Die deutschsprache Blogosphäre kann von lebhaften Zuständen nur träumen.
- In Schweizer Blogs herrscht Stille im Hinblick auf die Abstimmungen vom 5. Juni.
- Die Frage, ob die Schweizer langweilig seien.
Der Artikel suggeriert, die Blogger wollten einzig die Medien oder die Politik herausfordern, Massen mobilisieren, die Welt umkehren. Gelingt ein Coup, dann sollte das ein Erfolg für die Blogger sein.
Ich sehe die Erfolge von Weblogs und Bloggern anders:
- Das Internet als Lese/Schreib-Medium ist mit den Weblogs Wirklichkeit geworden.
- Blogger organisieren Wissen auf ihre Weise. Es wird nicht von oben vorgegeben.
- Blogger knüpfen soziale Netze und finden neue Bekanntschaften.
Das ist schon etwas. Und ich selber gewinne viel daraus.










Kommentar (1)
21 Kommentare:
Hallo Stef
auch ich glaube nicht, dass Blogger die Medien und die Politik herausfordern wollen; sie wollen Wissen be- und verschaffen. Und vor allem haben sie keiner wie auch immer gearteten Chefredaktion zu gefallen oder gar zu gehorchen
Anaximander (link) - 16. Mai 2005 - 16:04 Uhr
Sehr einverstanden. :-)
Stefan Bucher - 16. Mai 2005 - 18:44 Uhr
Ich glaube nicht, dass die Schweizer Blogger schlafen – aber es bloggen einfach noch zu wenige, die nicht in irgendeiner Weise mit Software, Internet etc. zu tun haben. D.h. das Spektrum der Weblogs ist immer noch relativ klein.
Ich bin schwer mit Dir einverstanden, wenn Du schreibst “Das Internet als Lese/Schreib-Medium ist mit den Weblogs Wirklichkeit geworden”. Gerade deshalb ist es schade, dass das Bloggen hier immer noch ein Nischendasein führt.
Ein kurzer Blick nach Frankreich macht mich schon ab und zu etwas neidisch – nicht der grossen Anzahl der Weblogs wegen – sondern aufgrund der Austauschfreudigkeit, Tiefe und Vielfalt.
Roger (link) - 16. Mai 2005 - 20:38 Uhr
Wenn die gute Dame einmal in die Suchresultate von Google zu den Themen vom 5.Juni geworfen hätte, wäre die Behauptung von den schlafenden Bloggern nicht gekommen…
sandro (link) - 17. Mai 2005 - 08:27 Uhr
Mich teilweise eingeschlossen halte ich die meisten Blogger für narzisstisch (Expression wichtiger als Kommunikation) und in grossem Masse selbstreferenziell in ihren Texten (Bloggen übers Bloggen). Ich will kein Wissen vermitteln. Scribo ergo sum.
Daniel Rei (link) - 17. Mai 2005 - 20:00 Uhr
Ich habe den Artikel (ferienhalber) zwar nicht mitbekommen, scheint aber irgendwie Stimmungsmache zu sein. Genau das möchte ich nicht, denn Stimmungsmache findet man ja in den Medien und an den Plakatwänden schon genügend. Wenn jemand von meinem Geschriebenen irgend etwas mitnehmen kann, oder ihn/sie auf irgendeine Weise etwas weiter bringt, ich dadurch vielleicht sogar einen positiven Kommentar auf meinen Artikel erhalte, dann ist das für mich genügend Erfolg.
Urs (link) - 17. Mai 2005 - 22:55 Uhr
@Daniel Rei
Den Metadiskurs, das Bloggen übers Bloggen finde ich meinerseits ziemlich interessant. Das scheint mir auch etwas Spezifisches in der Blogwelt zu sein. Sie reflektiert sich gleich selbst – vielleicht bis jetzt noch etwas zu unkritisch…
@Urs
Stimmungsmache? Meinst Du, dass Du nicht auch noch politische Statements und sich “kreuzende Diskursklingen” auf den Blogs willst?
Roger (link) - 18. Mai 2005 - 09:35 Uhr
Kann schon sein, dass die Zahl der CH-Blogger noch sehr klein ist. Aber es werden ja immer mehr. So dürften also auch mehr Themen, mehr politische Meinungen, allerdings auch mehr Narzismus und mehr Metablogging stattfinden. Mehr Blogger hätten mehr Kraft und ein Thema aus der Blogosphäre könnte auch mal von den Medien aufgenommen werden.
Ob das so kommt oder nicht: Ich bleibe dabei, dass Bloggen Wissensaustausch bewirkt. Sei es, dass andere einfach etwas mitnehmen können, wie Urs sagt, oder, dass effektive Fachinformationen weitergegeben werden.
Daniel, ich finde, auch du vermittelst in diesem Sinne einiges.
Stefan Bucher - 18. Mai 2005 - 11:33 Uhr
Ja, es werden tatsächlich immer mehr und es wird spannender.
Bloggen ist auf jeden Fall auch Wissensaustausch, da bin ich ganz Deiner Meinung Stefan.
Roger (link) - 18. Mai 2005 - 13:28 Uhr
Bloggen heisst agieren, surfen heisst konsumieren. Jede Actio führt zu einer Re-Action. So habe ich den NZZ-Artikel interpretiert als “dämliche” Reaktion einer redaktionellen Frustkuh.
James (link) - 19. Mai 2005 - 10:50 Uhr
Ho, ho, James. Das sind böse Worte.
Aber das mit dem Agieren/Konsumieren gefällt mir.
Stefan Bucher - 19. Mai 2005 - 12:19 Uhr
@James, auch wenn ich selbst meist böse über Journalisten schreibe, so halte ich doch Ausdrücke wie “Frustkuh” für nichts anderes als die dämliche Reaktion eines redaktionslosen FrustBloggers :-P.
Natürlich schreiben die etablierten Medien sehr häufig negativ oder abwertend über die (schweizer) Blog-Szene, vermutlich weil sie sich bedroht fühlen. Natürlich geht mir das auf die Nerven, weil ich weiss, dass es falsch und unfair ist. Aber haben wir den Abwehr-Reflexen der Medien nichts Besseres entgegenzusetzen als wiederum unsere eigenen Abwehr-Reflexe?
Matthias (link) - 23. Mai 2005 - 13:59 Uhr
@Matthias: Ich finde den Ausdruck “Frustkuh” äusserst attrakiv, stelle ich mir doch vor, dass eine frustrierte Kuh anstatt Milch Rahm gibt. Spass beiseite, Du hast ja recht, ich bin ein FrustBlogger, ein Bloggoholiker und und … aber nicht nur, sondern manchmal auch!
James - 24. Mai 2005 - 12:53 Uhr
ich versuche mir aktuell das was ich tue so zu erklären:
a)
bloggen/vloggen ist für mich in erster linie ein prozess der “explikation”.
b)
dabei geht es in einem ersten schritt um ein spannungsbogen zwischen “psycho-analyse” und “sozio-analyse”.
c)
in einem zweiten spannungsbogen sehe ich “widerstand” und “anpassung”. ich versuche das, was ich “expliziere” einzuordnen, zu ver-orten.
d)
und – ganz offensichtlich: im link setzen oder diese zeilen hier! – kann noch eine “meta-position” gesehen werden: ich beobachte mich beim beobachten.
/sms ;-)
/sms ;-) (link) - 26. Mai 2005 - 14:35 Uhr
Hey, danke für diesen Beitrag. Kopfmaterial – wie dein rebell.tv.
Stefan Bucher - 27. Mai 2005 - 20:14 Uhr
// :: suche auf meiner frontpage nach “holger” und finde bauchmaterial /sms :-))
/sms ;-) (link) - 29. Mai 2005 - 09:50 Uhr
hi stefan,
“weil sie alle die Geschichten aus den USA erzählt (Rather, Jordan, 11. September, US-Wahlen), die schon 100-mal wiederholt wurden ”
Hm. mache ich in meiner Arbeit auch. Ist plakativ und einigermassen leicht darzustellen. Für Leser die mit dem Thema zum ersten Mal konfrontiert werden kann das nix schaden. (ich muss sogar ein ganzes Kapitel über das Internet an sich abliefern, Geschichte, Big Bubble, Digital Divide…). Von daher ;);)
cu
Markus (link) - 31. Mai 2005 - 02:14 Uhr
Ich verstehe schon, dass du in deiner Arbeit diese Fälle beschreibst. Gehört wohl da rein. Das wird sicher eine gute Arbeit ñ bei deinen Links, die du auf del.icio.us sammelst Ö
Stefan Bucher - 01. Juni 2005 - 22:45 Uhr
Kommt wohl drauf an, ob man die Realität oder den Hype abbilden will. Für den Hype ist die uralte US-Wahlen-Story geeeignet, aber die Realität ist längst ganz woanders.
Matthias (link) - 02. Juni 2005 - 07:54 Uhr
Interessant, wie die Blogger auf einen Zeitungsartikel für die Masse reagieren. Das mit der “dämlichen Frustkuh” bezeichnet “die gute Dame” (die im übrigen über Google nach den Vorlagen vom 5. Juni gesucht aber sozusagen nichts gefunden hatte) als aufschlussreichen, aber leider allzu “herrischen” Ausrutscher … Dennoch hofft sie – allen Zweiflern zum Trotz – auf gutes Gedeihen der Bloggosphäre auch in der Schweiz!
Larissa - 09. Juni 2005 - 15:06 Uhr
Danke für deinen Besuch.
Ich denke, wir alle reagieren auf Zeitungsartikel in irgend einer Weise. Hier haben sich ein paar Einzelstimmen aus der Masse zu einem Artikel über Weblogs geäussert, weil sie selber bloggen. Das ist doch o.k. so.
Vom herrischen Ausrutscher distanziere ich mich, trotzdem lösche ich den Kommentar nicht.
Interessant finde ich, dass nach dem 5. Juni offenbar noch viel weniger über die Abstimmungen gebloggt wurde.
Stefan Bucher - 09. Juni 2005 - 22:54 Uhr