Selber machen geht einfacher

Es geht leichter, einen guten Text von Anfang an selber zu schreiben, als eine schlechte Vorlage zu überarbeiten.

Für diesen Schluss will ich folgende Gründe nennen:

Als geübter Schreiber habe ich meine ganz eigene Art, wie ich an einen Text herangehe. Noch bevor ich schreibe, beginnt der Text zu entstehen. Ich richte mich schon von Beginn weg nach den Anforderungen:

  • Zielgruppe
  • Länge
  • Wichtigkeit
  • Medium
  • Ton

Bekomme ich einen vorformulierten Text, kann ich meine Überlegungen nicht mehr anstellen, weil der Text schon in eine feste Form gebracht wurde.

Beim Überarbeiten, wenn ich gemachte Sätze anrühren will, plagen mich immer Fragen.

  • Hat der Autor dies mit Absicht so ausgedrückt?
  • Ist es ihm wichtig, diese Wörter zu benutzen?
  • Muss dieser Ton beibehalten werden?
  • Geht ein wesentlicher Gedanke verloren, wenn ich das umformuliere?
  • Verletze ich den Autoren, wenn ich seine Stimme abändere?

Dagegen erheben sich meine fachlich begründeten Einwände.

  • So verstehen das die Leser nicht.
  • Das hier ist eine Wiederholung. Streichen!
  • Dieser Absatz sollte aufgeteilt werden.
  • Dieser Gedanke wird nicht abgeschlossen.

Es stellt sich dann die Frage ob ich mit viel Aufwand stark eingreife, oder mit wenig Aufwand nur kleine Änderungen vornehme. Das Resultate wäre leichter zu erreichen gewesen, hätte ich von Anfang an alles selber gemacht.

Es lohnt sich in jedem Fall, gute Schreiber die Arbeit machen zu lassen. Denn schlechte Texte kosten am Ende mehrfach.

7 Kommentare.

  1. Einverstanden. Wobei der Weg zum eigenen Text manchmal über drei misslungene Versuche des Umarbeitens führt.

    Deine Liste
    * Zielgruppe
    * Länge
    * Wichtigkeit
    * Medium
    * Ton
    möchte ich ergänzen mit “Wirkung” als einem der wichtigsten Kriterien für Gebrauchtstexte, gerade fürs Web.

    Interessieren würde mich, wie Du diese Kriterien konkret umsetzest.

  2. Ja, drei Mal umarbeiten, das gehört dazu.

    Ich will versuchen, zu jedem Punkt etwas Konkretes zu nennen:

    * Zielgruppe: Ihre Perspektive einnehmen; ihre Wörter benutzen
    * Länge: So kurz wie möglich, so lange wie nötig (trifft nicht immer zu)
    * Wichtigkeit: Hilfe ist sehr oft das News-Prinzip: das Wichtigste zuerst.
    * Medium: Lesbarkeit berücksichtigen fürs Web; Papierformat etc. bei Print
    * Ton: Nahe an der Alltagssprache; den Humor weglassen, wenn es offiziell sein soll.

    Und jetzt noch die Wirkung. Guter Punkt. Ich habe jeweils die Hoffnung, nicht allzu entfernt von den Lesern zu sein, und versuche mir dann vorzustellen, welche Wirkung der Text auf mich hat. Hin und wieder nehme ich den Text nach Hause und frage meine Frau, wie er auf sie wirkt.

  3. Ja, meine Frau ist oft auch die erste Gegenleserin. Und zum Glück eine ehrliche.

    Die Umsetzung Deiner Kriterien finde ich gut. Hinzufügen - das kommt mir jetzt in den Sinn - könnte man noch das Kriterium Stil (thematisch nahe am Kriterium Ton).

    Jedes Kriterium allein ist natürlich eine eigene Abhandlung wert. Näher eingehen möchte ich auf das Kriterium Zielgruppe im Zusammenhang mit der Wirkung.

    Beim (kürzlichen) Relaunch einer Website haben wir versucht, uns zu fragen, welche Aufgaben die Inhalte unterstützen sollen und welche Wirkung die Inhalte haben sollen, statt uns zu fragen, für wen wir schreiben. Alle Personen, die mit dieser Aufgabenstellung auf unsere Website kommen, werden dann unterstützt, egal welcher demographischen Zielgruppe sie angehören. Mögliche Aufgabenstellungen sind: Ich möchte mich informieren. Ich möchte etwas kaufen. Ich möchte etwas vergleichen. Ich möchte mit jemandem diskutieren. Und dann versuchen wir die Texte so zu schreiben, dass diese Aufgabe unterstützt wird. Die Texte sollen also diese Wirkung haben, dass sie das Erledigen einer Aufgabe ermöglichen.

  4. Noch besser wäre aber, die Wirkung empirisch zu erforschen. Die Frage ist “What do the audience do with the media?”. Besonders bei Kampagnen bleibt eine unterlassene Evaluationsforschung nicht folgenlos. In meiner Lizarbeit, in der ich eine Mobbing-Kampagne untersucht habe, kamen Befragte zu kontraproduktiven Schlüssen. Der in der Kampagne eingesetzte Videofilm enthielt vier Muster-Mobbingfälle, die jeweils in der Kündigung endeten. Die Intention war, den Betrachtern das Phänomen Mobbing näher zu bringen und ihnen Lösungsmöglichkeiten vorzuschlagen. In der Nachbefragung wurden die Probanden nach den Handlungsmöglichkeiten gefragt. Häufig war nur von der Kündigung die Rede, was nicht der intendierten “Message” entsprach. Meine Erklärung dafür ist, dass auf Grund der narrativen Struktur des Videofilms einige der Befragten eine andere Lesart entwickelten.
    Forschung ist teuer. Aber sie lohnt sich dann, wenn man Wirkungen nicht nur erahnen, sondern wissen möchte.

  5. Robert: Primat der Wirkung. Deinen Hinweis will ich unbedingt mehr berücksichtigen.

    Daniel: Bietest du nun neben Korrekturlesen auch Wirkungsforschung an? ;-) Eine noble Mission wäre das.

  6. Würde ich ja gerne machen, aber eben… Was ich sagen wollte: Es besteht ein Unterschied zwischen Wirkung und erwünschter Wirkung.

  7. Leider untersucht man viel zu selten, wie ein Text gewirkt hat und schreibt dann auch beim nächsten Mal so, wie man meint, dass es gut sei. Dabei wäre es ja gerade online relativ leicht zu messen, welche Textversion welche Wirkung erzielt hat. Aber auch dieser Aufwand wird oft gescheut.

    Womit ich bei der Frage der Wirkung hinaus wollte, habe ich mal in einem kurzen Post angedeutet Motivation und Ziele. Es ändert die Perspektive beim Schreiben, wenn man versucht, sich in die Situation des Lesers zu versetzen (in seine Motivation und seine Ziele). Wenn man dagegen “nur” versucht, sich einen Leser vorzustellen (bezüglich soziodemographischen Kriterien wie Alter, Einkommen, Beruf), ist man weiter weg vom Leser.

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