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Essay – Die Blütezeit des Gregorianischen Chorals

Reisebericht des Wandermönchs Anselm über seinen Aufenthalt im Kloster Einsiedeln im Jahre 970 nach Christi Geburt:

«Es war eine prächtige Reise durchs Schwyzer Hügelland, und ausserordentlich freundlich der Empfang durch Abt Gregor im Kloster Einsiedeln. Als ich ankam war es Nachmittag, zwischen der Gebetszeit der neunten Stunde und der Vesper. Nachdem man mich in ein gemütliches Gästezimmer begleitet hatte, lud man mich ein, in der Klosterkirche dem Stundengebet beizuwohnen. Als ich in die Kirche eintrat, war es ganz still. Jetzt öffnete sich die Tür, die vom Kreuzganz in den Chor führte, und die Kirche wurde von den Geräuschen der eintretenden Mönche erfüllt. Als alle ihren Platz im hölzernen Chorgestühl gefunden hatten, wurde es wieder still. Mit einem Klopfzeichen des Abtes wurde zur Lobpreisung des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes angestimmt. Mit dem ersten Ton versank ich in einer tiefen Andächtigkeit. Die Stimmen der Brüder vereinigten sich in einem Ton. Von ihm aus bewegte sich die Melodie in kleinen Schritten auf und ab, gerade so, dass die Worte der heiligen Texte an Deutlichkeit und Verständlichkeit das höchste Mass erreichten. Noch nie hatte ich diese Klarheit im Gesang, diese Reinheit der Stimmen gehört. Die Musik drang in mich ein und leitete meinen Sinn geradewegs auf den Kern der Worte hin, nämlich zu Christus selbst. Es war keine Unruhe im Gesang, kein aufschreckendes Springen in der Melodie, kein einengender Rhythmus. Der Mensch soll durch die Musik zu Gott hin bewegt werden, nicht zu wildem Tanz und Lust.
Wie es die Regel des Benedikt vorschreibt, wurden vier Psalmen gesungen, dann ein Hymnus, ein Lobgesang aus dem Evangelium und eine Litanei. Zum Schluss das Vater Unser.
Nach dem Essen wurde ich zu Abt Gregor gerufen. Bald waren wir in ein angeregtes Gespräch vertieft. Weil ich mich so über die hohe Kunst des Gesangs in der Kirche verwunderte, fragte ich Gregor nach seinem Geheimnis.

Abt Gregor:

Wir befinden uns in einer Zeit der hohen Kunst. Der Gesang, der von Papst Gregor dem Grossen gelehrt und im ganzen Reich des Frankenkaisers verbreitet wurde, ist in unserem Kloster stets geflegt worden. Der Abt selbst hat die Leitung über die Gesangsausbildung seiner Mönche. In unseren Schreibstuben werden die alten Texte der römischen Liturgie mit grösster Sorgfalt kopiert. Es ist seit einiger Zeit auch gelungen, den Verlauf der Melodie mit Zeichen aufzuschreiben. Viel darüber haben wir aus dem Kloster Sankt Gallen gelernt. Von dort übernommen haben wir auch Lieddichtungen eines gewissen Mönchs Notker Balbulus. Durch seine Arbeit gelangte der Choral nach Papst Gregor zu neuem Reichtum. Noch nie zuvor war das Repertoire an geistlichen Gesängen so gross. Noch nie so zahlreich die musikalischen Gattungen. Und entsprechend ist die Blüte der Musikhandschriften. Schauen Sie sich dieses Buch an. Es ist mein persönliches Exemplar. Sie finden darin Messgesänge und eine Anzahl Hymnen von Notker Balbulus, von dem ich eben erzählte.

Abt Gregor reichte mir ein kleines Buch. Oberhald der Textzeilen befanden sich die Zeichen, mit denen die Melodie angegeben wurde. Feine Bogen, Striche, Punkte waren es. Man konnte an ihrer Deutlichkeit erkennen, dass sie mit viel Geduld aufgezeichnet wurden. Dank dieser neuartigen Schrift gelangte der Gregorianische Choral also zu seiner Schonheit und Reinheit.
Ich war müde geworden und verabschiedete mich herzlich von Gregor. Am nächsten Morgen wollte ich weiterreisen. Bevor ich aber einschlafen konnte, träumte ich noch lange den schönen Stimmen der Brüder nach. Sie hatten mein Herz bewegt und meinen Glauben an die Güte und Schönheit Gottes gestärkt.»

© Stefan Bucher, Februar 2000

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