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Proseminararbeit Stefan Bucher
Gregorianischer Choral in der
Gemeinschaft der Mönche



Vorwort

Einleitung


Kapitel 1: Entwicklung des Gregorianischen Chorals

1.1 7. Jahrhundert – Entstehung eines einheitlichen Repertoirs
1.2 Anfänge – frühchristliche Zeit
1.3 Blütezeit – 9.–11. Jahrhundert
1.4 Weiterentwicklung der Kirchenmusik
1.5 Restauration im 19. Jahrhundert

Kapitel 2: Gregorianischer Choral im Kloster

2.1 Gemäss der Benedikts-Regel
2.2 Das Stundengebet
2.2.1 Psalmengesang
2.2.2 Psalmodie

Kapitel 3: Der einzelne Mönch im Chor der Brüder

3.1 Der Mönch in der Gemeinschaft
3.1.1 Einheit von Innen und Aussen
3.1.2 Vom Einzelnen zur Gemeinschaft
3.1.3 Tradition und Wandel
3.2 Das einsame und das gemeinschaftliche Gebet
3.2.1 Persönliches Gebet
3.2.2 Chorgebet

Zusammenfassung und Schlusswort

Anhang: Literatur- und Quellenverzeichnis

Vorwort
Es war im Oktober 1995, als ich im Zisterzienserkloster Abtei Hauterive, bei Posieux, Freiburg, zum ersten Mal das Chorgebet der Mönche hörte. Nicht nur, dass ich mich in eine lange vergangene Zeit zurückversetzt fühlte, nicht nur, dass mich die Lebendigkeit dieser Tradition faszinierte, und nicht nur, dass ich vom herzlichen Lachen der Mönche willkommen geheissen wurde, machte mein Interesse für das klösterliche Leben und seinen Gesang aus. Vor allem fühlte ich mich durch die Musik des Gregorianischen Chorals herausgefordert, in mich selbst hineinzuhorchen und zu entdecken, was in mir verborgen sei. Es war ein tief spirituelles Erlebnis, das meinen Glauben an das Leben und an den Schöpfer des Lebens weitgehend veränderte.
Die vorliegende Arbeit geht den drei Fragen nach, die sich mir bei meinem ersten Gregori-anikerlebnis stellten: Wo liegt der Ursprung dieser Musik? Wie spielt sich der Chorgesang im Kloster ab? Mit welchen religiösen Gefühlen nimmt der einzelne Mönch am Chorgebet teil?
Anhand dieser Fragen gliedere ich die Arbeit in drei Kapitel: 1. Die Entwicklung des Gregorianischen Chorals; 2. Gregorianischer Choral im Kloster; 3. Der einzelne Mönch im Chor der Brüder.
Wollte ich der Arbeit einen prägnanten Sinnspruch voranstellen, fände ich in den Schriften
der Wüstenväter und der Mystikerinnen und Mystiker sicher eine aussagestarke Sentenz. Ich greife jedoch nicht auf die alten Texte zurück. Einen treffenden Spruch las ich in der Werbung einer Getränkefirma. Was in der Reklame – mit den Worten Gottfried Kellers – über das Mineralwasser gesagt wird, gilt auch für den Gregorianischen Choral: «Alles Grosse und Edle ist einfacher Art.»
Während der Zeit, in der ich mich mit dem Gregorianischen Choral beschäftigte, gab es viele Menschen, die mir Informationen vermittelten oder mit denen ich meine Gedanken austauschen konnte. Ihnen allen gilt an dieser Stelle mein Dank. Ich möchte speziell erwähnen: Pater Hermann-Joseph, O.C ist., Chorleiter und Gästepater der Abtei Hauterive, und Pater Roman Hofer, OSB, Chorleiter des Klosters Engelberg und Musiklehrer an der Stiftsschule Engelberg –
Danke für die Gespräche! Niklaus Strässle – Danke für die Bücher, für die Korrekturen und für den Hinweis zur Verwendung des Gedankenstrichs! Simon Bosshard und Herbert Zogg– Danke fürs Lesen und für die stilistischen Anregungen!

Stefan Bucher
Zürich, 22. Mai 2000
Bettina zum Geburtstag




Einleitung
In drei Schritten nähert sich die Arbeit dem Geheimnis des Gregorianischen Chorals in der
Gemeinschaft der Mönche: Im ersten Kapitel wird ein historischer Überblick über die Entwicklung des Gregorianischen Chorals gegeben. Im Zweiten Kapitel steht der Gesang in der Praxis des Stundengebets nach der benediktinischen Tradition im Zentrum der Betrachtungen. Im dritten Kapitel wird ein Blick auf die Entstehung des Mönchtums geworfen und aufgezeigt, in welchem Verhältnis der einzelne Mönch zur Gemeinschaft steht. Ausgangspunkt ist die Frage, wie sich das persönliche Gebet des Mönchs mit dem Chorgebet in der Klostergemeinschaft verbindet.
Zu Beginn der Arbeit wird die Entstehung des Gregorianischen Chorals erläutert. Seine Wurzeln sind in den Lesegesängen der jüdischen Synagoge zu finden. über die Kirche des Ostens kommt der Psalmengesang nach Rom. Im Namen von Papst Gregor dem Grossen verbreitet sich der Gregorianische Choral in ganz Europa. Für die Pflege der Gesänge sorgen
meist die Klöster. Die Mönchsregel von Benedikt von Nursia schreibt die Ordnung des Psalmengesangs im klösterlichen Stundengebet vor. Inspiriert von der Weisheit der ägyptischen Mönchsväter, übernehmen die Benediktiner eine Lebensform im Ausgleich von Gebet und Arbeit. Wie die Untersuchung zeigen wird, schöpft der Gregorianische Choral noch heute aus diesen spirituellen Quellen. Die Benediktsregel bildet in der vorliegenden Arbeit den roten Faden in der Beschreibung der klösterlichen Gesangspraxis. Dieses Vorgehen garantiert eine konzentrierte Untersuchung einer – der benediktinischen – Tradition und eine klare Abgrenzung gegenüber anderen Ausprägungen.
Nicht berücksichtigt in dieser Arbeit ist der Bereich der Semiologie, der Erforschung der
Neumennotation, und das ganze Gebiet der musikalischen Interpretation der gregorianischen Gesänge. Es ist dem Autor bewusst, dass es – wie es der Einsiedler Choralmagister Pater Roman Bannwart sagt – «mit dem ‹Verstehen› dieser Musik nicht getan ist: Choral will gesungen werden, und zwar mit einer gesunden Stimme wie bei jeder anderen Gesangsgattung. Erst im Selbstvollzug öffnet sich dem Einzelnen das Geheimnis der Gregorianik.» (Bannwart, 1992, S. 114) Da das eigene Singen aber ohnehin in einem Chor geübt werden müsste und nicht einem geschriebenen Text entnommen werden kann, liegt der Verzicht auf den Themenbereich der musikalischen Interpretation nahe. Die Aufforderung, selbst zu singen, bleibt indes.
Die Arbeit nimmt sich nicht Detailfragen der wissenschaftlichen Gregorianikdiskussion an.
Viel eher legt sie grundsätzliche Überlegungen zum Thema dar. Im dritten Teil weicht die Argumentation von der allgemeinen Betrachtung ab und stellt die monastische Tradition im
Lichte der Kulturwissenschaft dar.
Was in der Arbeit über Mönche und Brüder gesagt wird, gilt in den meisten Fällen auch für
Nonnen und Schwestern. Da die Fachsprache meist die männliche Form pflegt, wurde dies auch in der vorliegenden Arbeit beibehalten. Selbstverständlich ist die Choraltradition auch in Frauenklöstern von großer Bedeutung. Tatsächlich wird in vielen Frauenklöstern das Stundengebet mit größerer Sorgfalt gepflegt als in Männerklöstern.
In dieser Arbeit gibt es keine Heiligen. Namen von Personen, die von der katholischen Kirche heilig gesprochen wurden, erscheinen ohne die Bezeichnung «Heilig» bzw. «hl.». Für eine Betrachtung im Sinne dieser Arbeit ist die Nennung nicht von Bedeutung.
Die zitierten Quellen geben oft die Sichtweise katholischer Geistlicher von innerhalb und außerhalb des Klosters wieder. Verwiesen wird hauptsächlich auf das Grundlagenwerk «Gregorianischer Choral» von Luigi Agustoni. Bei der Interpretation der Benediktsregel wird dem Kommentar von Georg Holzherr gefolgt. Die Literatur- sowie Quellenangaben sind im Anhang zusammengefasst. Die Abkürzungen und Zitate von Bibelstellen sind der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift entnommen.



Kapitel 1
Entwicklung des Gregorianischen Chorals
Um zu verstehen, wie sich das einsame Gebet und das gemeinsame Singen im Chor der Mönche miteinander verbinden, gilt es erstmals, den Begriff des Gregorianischen Chorals zu klären.
Die Bezeichnung ist eng mit dem Namen Gregors des Grossen verbunden. Deshalb beginnen
wir unsere Betrachtung über die Geschichte des Gregorianischen Chorals im 6. Jahrhundert, der Zeit des Pontifikats Gregors. Im zweiten Abschnitt des Kapitels gehen wir zu den Anfängen der christlichen Kirche zurück. Der dritte Abschnitt gilt der Betrachtung der Zeitnach Gregor, der Blütezeit des Gregorianischen Chorals. Es folgt im vierten Teil ein kurzer Hinweis auf den Untergang des einstimmigen Chorals und die Entwicklung der Kirchenmusik von der Renaissance bis zur Klassik. Zum Abschluss des ersten Kapitels wird die Restauration des Gregorianischen Chorals im 19. Jahrhundert besprochen.

1.1 Entstehung eines einheitlichen Repertoires – 7. Jahrhundert
Papst Gregor I. (540–608, Papst seit 590) wird allgemein die große Leistung zugeschrieben, die Kirchengesänge, die zur damaligen Zeit im ganzen westeuropäischen Raum gepflegt wurden, gesammelt und in einem Werk vereint zu haben1. Die Sammlung liturgischer Gesänge, die in diesem Kanon zusammengefasst wurde, wird als Gregorianischer Choral bezeichnet. Dieser wurde zum einheitlichen Ritus der römisch-katholischen Kirche. Musikalisch wird der Gregorianische Choral durch seine Einstimmigkeit charakterisiert. Die Melodien bestehen aus kleinen Tonintervallen und werden in einem verhältnismäßig ruhigen, getragenen Tempo gesungen.
Es ist wissenschaftlich allerdings unwahrscheinlich, dass es tatsächlich Gregor ist, der maßgeblich für die musikalischen Vereinigung der lokalen Stile zum neuen römischen Choral verantwortlich war. Viel eher fand die Umformung des altrömischen Ritus zum Gregorianischen Choral während des Pontifikats des Papstes Vitalian (657–672) statt. Früheste Dokumente belegen Textsammlungen aus dem 8. Jahrhundert. Das Werk Gregors wurde jedoch Gegenstand von Legenden und Mythen. So überlieferte schon Gregors Biograph Johannes das Bild, «wie er auf dem päpstlichen Thron sitzt und seinem Schreiber die Melodien diktiert, die eine auf seiner Schulter sitzende himmlische Taube ihm ins Ohr flüstert» (in: Robertson/Stevens, 1965, S.183). Sicher ist, dass unter Gregor die römische Kirche einen Aufschwung erlebte. Missionare reisten bis in die entlegensten Winkel Europas und predigten Gregors Rezepte für Kirche und Verwaltung. Zusammen mit der nun vereinheitlichten liturgischen Praxis behauptete sich der römische Ritus gegenüber den folkloristischen Prägungen der Regionen.
Ob nun Gregor oder Vitalian, Tatsache ist, dass sich die Erneuerer keiner Notenschrift zur
Aufzeichnung der Melodien bedient haben konnten. Die ersten Notationszeichen, die Neumen, entstanden rund 200 Jahre nachdem die Sammlung der liturgischen Gesänge abgeschlossen war. Über die Neumen schreibt Godehard Joppich: «Die ältesten [musikalischen] Aufzeichnungen jener Gesänge, die wir Gregorianischen Choral nennen, stammen aus dem ersten Viertel des 10. Jahrhunderts. Die benutzten Zeichen geben keine genaue Tonhöhe an. Sie haben offensichtlich die Bewegungen dessen zum Ursprung, der mit seinen Gesten die auswendig singende Kantorengruppe leitete, welcher der Vortrag dieser Texte anvertraut war. Die auf Pergament übertragenen Dirigierbewegungen wurden deshalb Neumen genannt (griechisch: neuma = Geste, Wink).» (Joppich, 1996, S. 33)



1.2 Anfänge – frühchristliche Zeit
Die Geschichte des einstimmigen Kirchengesangs hat ihren Ursprung einige hundert Jahre vor Gregors Zeit: im Gesang der jüdischen Synagoge. Die Hauptteile der Liturgie aus der Zeit nach dem babylonischen Exil finden sich auch in der christlichen Urkirche: Lesung aus den heiligen Schriften, Psalmgebet, Predigt, Gebet und Schlusssegen. Psalmen, Gebete und Lesungen wurden in einer Art erhöhtem Sprechgesang vorgetragen. Diese sogenannte Kantillation2ist eine einfache melodische Sprechweise. Sie basiert auf einem einzigen Ton und variiert je nach Betonung des zugrundeliegenden Textes um wenige Tonschritte. Das Kantillieren entsprach den akustischen Anforderungen der Synagogen. In den großen Räumen ging undeutliches Lesen unter. Die Melodie machte die Worte besser verständlich und «hob sie über die Alltagssprache hinaus» (Hofer, 1990, S. 14). Heute sagen Sprachforscher, dass nur lautes Sprechen die guten Inhalte vermittle. Der Klang war außerdem entscheidend für das Memorieren der Gesangs- und Gebetstexte.
Die Christen führten die Gesangstradition der Synagoge anfangs kaum verändert fort. Die meisten Neubekehrten waren früher Juden und mit den Gottesdienstordnungen vertraut. Der
Versammlungsort der Christen waren Privathäuser. Aufschluss über den frühchristlichen Gebrauch von Musik geben die Briefe des Apostels Paulus. Da heißt es beispielsweise: «Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn!» (Eph 5,19)
Neben dem Wortgottesdienst – bestehend aus oben erwähnter Lesung, Psalmgebet, Predigt, Gebet und Schlusssegen – war das Abendmahl zentraler Bestandteil der frühchristlichen Liturgie. Sein Vorbild ist das jüdische Pessachmahl. Das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern war ebenfalls eine solche Feier. In der christlichen Kirche wurde daraus die Eucharistiefeier – der eigentliche christliche Gottesdienst3.

Wortgottesdienst und Eucharistie verschmolzen seit dem 4. Jahrhundert und bildeten schließlich die Messe.
Bis zum 3. Jahrhundert bestand keine Instanz, die über Art und Weise der christlichen Riten entschied. Es waren orts- und gruppenspezifische Bedürfnisse und Voraussetzungen, welche die Form der Gottesdienste prägten. Erst nachträglich wurden liturgische Gewohnheiten vereinheitlicht und festgeschrieben. überhaupt waren die christlichen Gemeinden in Palästina, Kleinasien, Griechenland und Rom auf sich allein gestellt. Weil sie von den römischen Machthabern verfolgt wurden, blieben die Christen oft im Untergrund. In der Welt sahen sie sich den dämonischen Mächten der heidnischen Götter ausgesetzt. Das änderte sich mit der Anerkennung der christlichen Religion durch den römischen Kaiser Konstantin (Toleranzedikt von Mailand 313). Jetzt hielten die Christen regionale Zusammenkünfte ab und vereinbarten feste Normen. Bischöfe nahmen zunehmend Positionen im politischen Machtgefüge ein. Das Konzil von Nicäa (325) besiegelte das Glaubensbekenntnis (Credo) und die Einheit der Kirche im Römischen Reich.
Trotz der proklamierten Einheit machte sich aber immer stärker die Trennung zwischen Ost und West bemerkbar. Der Streit zwischen Byzanz und Rom war auch ein Streit zwischen griechischer und lateinischer Sprache. Kaiser Konstantin machte Konstantinopel zur Reichshauptstadt.
Rom verlor an Glanz, war es doch die Heimat des heidnischen Götterkults. Der Osten, als Wiege der christlichen Kultur, besaß bereits die bedeutenderen Repräsentationsbauten. In den Gemeinden Kleinasiens und Griechenlands wurden die Paulus-Briefe in der griechischen Originalsprache rezitiert. Die Ostkirche war auch bei der musikalischen Entwicklung tonangebend. Sie hatte die Wechselgesänge der Synagogen weiter gepflegt. Der wechselchörige Psalmgesang – das antiphonische Singen – breitete sich von hier allmählich im gesamten Römischen Reich aus.
Die musikalische Gestaltung der frühchristlichen Gottesdienste grenzte sich klar von der weltlichen Volksmusik ab. Die Lieder der Heiden – oft von Instrumenten begleitet – machten
die Seele krank, warnten die Kirchenväter. Die «gekünstelte Musik» ziehe einen zu unreinen Gefühlen hin, ja, sie verleite zu «bacchantischer Raserei und Verrücktheit» (Clemens von
Alexandria, gest. 215, in: Robertson/Stevens, 1965, S.181). Für einige Kirchenoberen gingen
selbst die reicher ausgestalteten Melodien der geistlichen Gesänge zu weit. Als rein galt vor-wiegend die syllabische Singweise. Eine Note entspricht hier einer Textsilbe. Im Gegensatz dazu schmückt die melismatische Melodiegestaltung einzelne Silben mit mehreren Noten aus – ursprünglich vor allem die Schlusssilbe im Alleluja-Jubilus. Die Melismatik ist «eine Melodie, die bedeutet, dass das Herz hervorbringt, was es in Worten nicht aussprechen kann» (Augustinus, 354–430, in: Hofer, 1990, S. 15).

1.3 Blütezeit – 9.–11. Jahrhundert
Nach der Trennung des Imperium Romanum in das Ost- und das Westreich (nach dem Tod Theodosius' I. 395) lösten sich auch die kirchlichen Bindungen. Rom wurde wieder zur Hauptstadt des Westreichs und zum Mittelpunkt einer neuen liturgischen Bewegung. Von Rom aus verbreitete sich ab der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts der vom Papst vereinheitlichte Gregorianische Choral (vgl. oben, Kapitel 1.1) – auch dank der Missionsarbeit der Karolinger Kaiser Pippin und Karls des Grossen. In allen Teilen Europas entstanden Singschulen nach dem Vorbild der römischen Schola Cantorum. Die Schola führte in den Kirchen zu einer Professionalisierung des Gesangs. Nicht mehr hauptsächlich die versammelten Gläubigen pflegten den Gesang, sondern die gelernten Musiker. Grund dafür war das immer größer werdende Repertoire an Gesängen und die immer feinere und raffiniertere Ausgestaltung der Melodien.
Neben den Psalmgesang kam eine große Anzahl von Hymnen dazu. Die Hymnendichtung
entwickelte sich ab dem 4. Jahrhundert zu einer reichen literarischen Gattung. Die Hymnen
sind Dichtungen mit außerbiblischen Texten, strophisch und metrisch geformt. «Der Hymnus wird eine Art Gemeindelied mit tiefem, stark dichterischem Text, aber eingängiger, fast volkstümlicher Melodie.» (Hofer, 1990, S. 15)
Die Dichtkunst brachte ab dem 9. Jahrhundert eine weitere Gesangsgattung hervor. Es sind dies die Tropen. Es waren die fränkischen Sänger, denen die Annahme des Gregorianischen Chorals Mühe bereitete. Vor allem die melismatischen Gesänge – aus dem Mittelmeerraum stammend – waren den Franken nicht geläufig. «Was man in Rom einfach wusste und konnte, musste nördlich der Alpen mit viel Fleiß gelernt werden.» (Hofer, 1990, S. 16) Kreative und dichterisch begabte Mönche fingen an, die melismatischen Melodieteile mit neuen Texten auszufüllen und so syllabisch umzuformen.
Die am weitesten verbreitete Form des gregorianischen Tropus sind die Sequenzen. Bekannt
für sein dichterisches Schaffen ist der St. Galler Mönch Notker Balbulus (der «Stammler», 840–912). Der Bibliothekar soll Schwierigkeiten beim Auswendiglernen der langen Melodien des Alleluja-Jubilus gehabt haben. Eine Lösung für dieses Problem sah Notker in den Manuskripten aus einem zerstörten französischen Kloster, die ihm ein geflüchteter Priester
mitbrachte. Dort wurden die Melismen des Alleluja mit Versen unterlegt. Dem Mönch gefiel die Idee, denn er erkannte, dass auf diese Weise die Melodien besser behalten werden konnten.
Bei seinen ersten Versuchen mit selbst erfundenen Texten musste Notker von seinem Lehrmeister Iso auf die genaue Einhaltung der syllabischen Gestaltung hingewiesen werden: nämlich, dass «jede Melodienote eine eigene Silbe zugeteilt erhalten müsse» (in: Robertson/Stevens, 1965, S.206). Die Tropen und Sequenzen boten der Schola und einzelnen Solisten die Möglichkeit, ihr musikalisches Können in der öffentlichkeit vorzutragen. Erstmals in der Kirchenmusik traten Musiker somit als künstlerisch tätige Persönlichkeiten in Erscheinung. Allzu lange hatte diese Kunstform allerdings nicht Bestand. Im 12. und 13. Jahrhundert wurden die Tropen aus der Sammlung der Messgesänge gestrichen. Das Konzil von Trient (1545) nahm schließlich nur gerade vier Sequenzen ins römische Gesangsbuch auf. Später kam eine fünfte dazu.
Zeugnis der Blütezeit des Gregorianischen Chorals sind die prachtvoll gestalteten Handschriften und Gesangsbücher des 10. und 11. Jahrhunderts. Ein solches bedeutungsvolles Exemplar aus der Schweiz ist der Codex 121 aus Einsiedeln. An ihm lässt sich beispielhaft aufzeigen, wie kunstvoll der Gregorianische Choral im Mittelalter gepflegt wurde. Der «Codex 121 Einsiedeln» entstand in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts in der Einsiedler Schreibwerkstatt. Es handelt sich um das älteste vollständig erhaltene, neumierte Mess- antiphonar. «Die künstlerische Qualität der Textschrift und der Formenreichtum der Initialen geben dem Codex 121 eine hervorragende Stellung unter den alten Musikhandschriften.» (Lang, 1992, S. 4) In der 600 Seiten starken Handschrift sind Messgesänge («Antiphonale Missarum») und Sequenzen («Liber Ymnorum») enthalten, unter ihnen 40 Texte von Notker Balbulus. Die Musik ist in der alten Neumenform der St. Galler Tradition notiert, die keine Notenintervalle darstellt. Bestimmt war das kleine Buch (10,5 x 15,5 cm) als persönliches Exemplar für den Einsiedler Abt Gregor (964–996). Als Leiter der Chorschola diente ihm das Musikhandbuch als Nachschlagewerk und Gedächtnisstütze. Besonders hervorgehoben werden Dichtungen zu Ehren des Einsiedler Kirchenpatrons Mauritius. Sein Name ist mit schwarzen und goldenen Grossbuchstaben verziert.

1.4 Weiterentwicklung der Kirchenmusik
Was in diesem Abschnitt beschrieben wird, ist nicht mehr zum Gregorianischen Choral zu zählen. Die musikalische Entwicklung führte zu einer Dekadenz in der Praxis des einstimmigen Choralgesangs. In der Folge entstanden aber musikalische Formen, die wegweisend für die abendländische Kunstmusik waren. In Kürze wird auf die Weiterentwicklung vom späten Mittelalter bis zur Klassik hingewiesen.
Während die musikalische Aufzeichnung der liturgischen Musik im 9. Jahrhundert mit Hilfe
von Neumen noch keine genauen Tonhöhen erraten ließ, entwickelte sich um das Jahr 1000 eine Tonschrift mit Liniensystem zur Angabe von Tonintervallen. Unter den Notenschriften mit Linien setzte sich in Deutschland die gotische Hufnagelnotation, in Frankreich die Quadratschrift durch. In St. Gallen bestand die linienlose Akzentnotation noch bis zum 15. Jahrhundert parallel zur Punktnotation mit Linien. Im Verlauf des 13. Jahrhunderts wurde
erstmals die Rhythmusnotation möglich. «Im späten Mittelalter entwickelte sich die direkte Beziehung zwischen Notenschrift und Komposition. (…) Musik wurde schriftlich konstruiert.» (Elschek, 1998, S. 261) «Diese überproduktion im neuen Stil und das Aufblühen der Polyphonie (Mehrstimmigkeit) haben die gregorianische Monodie nach und nach erdrückt.
Die Interpretation des Gregorianischen Chorals verfällt immer mehr, schließlich nimmt man von ihm kaum noch Notiz.» (Agustoni, 1993, S. 217) Die gregorianischen Melodien bildeten
bald nur noch den Tenor (Unterstimme, auch Cantus firmus), über den Zusatzstimmen improvisiert wurden. Ergebnis dieser Entwicklung war die Auflösung der ursprünglichen Einheit zwischen der Melodie und ihrem Text. Die Worte waren nur noch notwendiges Vehikel, damit die Musik überhaupt klingen konnte. «Der natürliche Fluss der Sprache ging verloren und bald auch die einst so wichtige Textverständlichkeit.» (Hofer, 1990, S. 17) Darin sahen – und sehen – Kirchenmusiker, vor allem im Kloster, einen entscheidenden Verlust. Denn liturgische Musik hat immer eine Funktion: die Verkündigung des Wortes Gottes. «Mehrstimmigkeit macht nur einen Sinn, wenn dadurch die Einstimmigkeit verdeutlicht und ausgeweitet wird.» (Hofer, 1990, S. 51)
Die musikalische Entwicklung ging zunächst aber in schnellem Tempo weiter, ohne Rücksicht auf liturgische Bedenken. Die französische Motette der Notre-Dame-Epoche des 12., 7.und 13. Jahrhunderts erweiterte den gregorianischen Cantus firmus um drei bis vier Oberstimmen – mit anderen Texten und oft in verschiedenen Sprachen. Später übernahmen auch weltliche Gesänge die Unterstimme. Die Entstehung der Motette fiel zeitlich mit dem Bau der Kathedralen zusammen. Architektur wie Komposition erreichten eine neue Stufe der kunstvollen Ausschmückung.
Die Ars Nova-Epoche im 14. Jahrhundert brachte Verfeinerungen in der rhythmischen Gestaltung der Gesänge. Immer wichtiger wurde die poetische Dichtung, die immer öfter die alten liturgischen Texte ersetzte. «Zum ersten Mal wurde nicht der liturgische, sondern der weltliche Bereich für die Hauptereignisse in der Musik bestimmend.» (Musch, 1993, S. 28)
Gegen die drohende Verweltlichung der Kirchenmusik wurden immer mehr Stimmen laut. Papst Johannes XXII. lehnte Auswüchse ab und hob in seiner Constitutio «Docta Sanctorum Patrum» (1324/25) den Sinn der liturgischen Musik hervor: Die Musik des Gottesdienstes sollte gegenüber der weltlichen Musik ihre alte Art bewahren. Dennoch wurden ab Mitte des 14. Jahrhunderts auch die Gesänge des Messordinariums vollständig mehrstimmig in der Kirche vorgetragen.
In der Renaissance waren es die Komponisten der franko-flämischen Schule (auch Niederländische Schule), die die europäische Musikgeschichte prägten. Die Musik galt jetzt als selbständige Kunstgattung. Um 1540 wurde in der sogenannten durchimitierten Motette der Can-tus firmus abgelöst. Durch die Technik der Simultankomposition war es möglich geworden, die Stimmen mit Hilfe eines durchgehenden Themenmaterials melodisch und rhythmisch einander anzugleichen.
Das Konzil von Trient (1545–63), das sich mit seinen Lehrentscheidungen gegen die Reformation abgrenzte, befasste sich auch mit Fragen der Kirchenmusik. Anlass für die Diskussion waren die mangelnde Textverständlichkeit. Es galt zu entscheiden, ob mehrstimmige Musik ganz aus den Gotteshäusern zu verbannen sei. Um zu einem fundierten Ergebnis zu gelangen, ließen sich die Konzilväter verschiedene Werke vorführen. Weil sich eine Mehrzahl an der Polyphonie erfreute, entschied sich das Konzil schließlich für die mehrstimmige Musik im Gottesdienst. Eine Legende sagt, dass es der römische Komponist Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525–1594) war, der mit seinen Messkompositionen die Konzilväter für die Mehrstimmigkeit gewinnen konnte. So ging er als «Retter der Kirchenmusik» (in der Oper «Palestrina» von Hans Pfitzner) in die Geschichte ein. Im verabschiedeten Dekret von Trient heißt es: «Aus den Kirchen sind diejenigen Musikarten zu verbannen, die (…) etwas Zügelloses oder unreines enthalten, damit das Haus Gottes wahrhaft als Haus des Gebetes gehalten und genannt werden kann.» (in: Musch, 1993, S. 35)
In der klassischen Vokalpolyphonie aus der Schule Palestrinas nahm die Textverständlichkeit in der Folge des Trienter Konzils wieder zu. Dieser Stil fand große Anerkennung in der
Kirche. Er nahm später hinter dem Gregorianischen Choral die zweite Stelle in der von der Kirche zugelassenen liturgischen Musik ein.
In der Barockzeit erlebte die Musik stilistische Erweiterungen durch neue Formen und Gattungen und vor allem durch die rasante Entwicklung des Instrumentenbaus. Die Musik in der Kirche wurde ebenso prunkvoll ausgestaltet wie die Hofmusik.
In der Klassik des 18. Jahrhunderts sprengte die Kirchenmusik dem liturgischen Rahmen des Gottesdienstes ganz. «Die sinfonische Kirchenmusik dient zur religiösen Erbauung eines Konzertpublikums, das in erster Linie Fan eines betreffenden Komponisten ist und erst in zweiter Linie den Gottesdienst sucht» (Hofer, 1990, S. 23).
An dieser Stelle kann auf die Entwicklung der deutschsprachigen Kirchenmusik, insbesondere des reformierten Kirchenliedes, nicht eingegangen werden. Die Aufmerksamkeit der Betrachtung soll sich im letzten Teil des ersten Kapitels auf die Restauration des Gregorianischen Chorals ab dem 19. Jahrhundert richten.

8.1.5 Restauration im 19. Jahrhundert
Schon Ende des 16. Jahrhunderts brachten Reformbestrebungen eine Neuauflage der gregorianischen Messgesänge hervor. Die gregorianischen Melodien in der «Editio Medicaea» (1614 in der medicaeischen Druckerei Roms hergestellt) wurden durch Auslassen oder Versetzen von Melismen allerdings stark verfälscht und verstümmelt (Agustoni, 1993, S. 217). Erst Mitte des 19. Jahrhunderts begann in der französischen Benediktinerabtei von Solesmes ein neuer Aufbruch zur Rückkehr zu den Ursprüngen des Gregorianischen Chorals. In der ersten Phase der Restauration ging es vor allem darum, möglichst schnell der Aufforderung Papst Pius' X. nachzukommen, den Gregorianischen Choral in seiner Vollständigkeit und Reinheit wieder herzustellen («Motu Proprio», 1903). Dabei mussten mitunter Kompromisse eingegangen werden, nicht zuletzt darum, weil die neue Gregorianikforschung noch jung war und noch nicht über geeignete Methoden verfügte. Der Solesmes-Mönch Dom Mocquereau (gest. 1930) gilt als Begründer der Gregorianischen Paläographie. Mit Hilfe der Fotografie wurden alte Handschriften reproduziert. So konnten sie genauestens analysiert und erforscht werden.
Dom Pothier (gest. 1923), ebenfalls Solesmes-Mönch, ist der Herausgeber mehrerer bedeutender Sammlungen von Messgesängen. Beide Mönche bemühten sich darum, eine Theorie für die rhythmische Interpretation der gregorianischen Gesänge zu finden. Im zweiten Abschnitt der Restauration des Gregorianischen Chorals wurden die melodischen und typografischen Aufzeichnungen verfeinert. Eine neue Wissenschaft, die Gregorianische Semiologie, befasste sich nun mit der Vielfalt der Neumenzeichen. Sie erforschte die innere Logik der vom Schreiber gewählten Schriftzeichen. «Die Gregorianische Semiologie ist ein kritischer und methodologisch klar durchdachter Forschungszweig; daher sind ihre Ergebnisse keine Hypothesen mehr, sondern wissenschaftlich gesichert.» (Agustoni, 1993, S. 231)
Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965), das der Landessprache im Gottesdienst größeren Raum zuwies, wurde im deutschsprachigen Raum die Erarbeitung einer neuen deutschen Gregorianik in Angriff genommen. Führend bei der Reform des Kirchengesangs war das Benediktinerkloster Münsterschwarzach. 1981 erschien das «Monastische Stundenbuch» mit deutschsprachigen Gesängen für das Stundengebet. 1996 folgte das «Benediktinische Antiphonale».
Die deutschen Übersetzungen der liturgischen Texte mussten so bearbeitet werden, dass sie zu den gregorianischen Melodien singbar wurden. «Andererseits darf man auch nicht die alten Psalmtöne, um sie dem deutschen Text gefügig zu machen, so stark verändern und verfremden, so dass sie um ihr eigentliches Strukturgefüge gebracht werden.» (Hofer, 1996, S. 22)
Die Restauration des Gregorianischen Chorals geschah vorwiegend in den Klöstern des Benediktinerordens. Das Bemühen der Mönche um die Wiederherstellung des ursprünglichen Gregorianischen Chorals ist im Wunsch begründet, einen Gesang des Lobes und der Meditation pflegen zu können. Der Gregorianische Choral ist kultische Musik. In seinem Zentrum steht das Wort Gottes, das verinnerlicht oder nach außen verkündet werden soll. Entscheidend für die monastische Liturgiepraxis ist das «besinnlich-beschauliche Gepräge» (Füglister, 1996, S. 5) des Gregorianischen Chorals. Eigenschaft des Gregorianischen Chorals ist es deshalb nicht, dass die musikalische Ausschmückung im Vordergrund steht, auch nicht die Absicht, die Zuhörer affektiv zu bewegen.




Kapitel 2

Gregorianischer Choral im Kloster
Nachdem im vorherigen Kapitel die Entwicklung des Gregorianischen Chorals dargestellt wurde, befasst sich dieses Kapitel mit der Praxis der gregorianischen Gesänge im Kloster. Im ersten Abschnitt soll aufgezeigt werden, welche Bedeutung die Pflege des Chorgebets in der benediktinischen Mönchsregel hat. Im zweiten Abschnitt geht es dann um das klösterliche Stundengebet, das Officium Divinum, in der benediktinischen Tradition. Im Unterkapitel 2.2.1 wird zunächst die Bedeutung der Psalmen im Stundengebet erläutert. Unter 2.2.2 soll auf die musikalische Form der Psalmodie eingegangen werden.
Der zweite wichtige Hauptteil des Gregorianischen Repertoires neben dem Stundengebet sind die Gesänge der Messe. Sie können an dieser Stelle nicht weiter untersucht werden. Das Schwergewicht der Arbeit soll auf der Gesangspraxis des Klosters liegen. Selbstverständlich wird die Messe auch im Kloster gefeiert. Eine Untersuchung der Messe drängt sich hier aber nicht auf, weil sie ihre größte Bedeutung als Gottesdienstordnung vor allem in den Kirchen außerhalb der Klöster hat und somit nicht als klösterliche Gesangspraxis anzusehen ist.

2.1 Gemäss der Benediktsregel
Wie schon im Kapitel 1.5 erläutert, waren es Benediktinermönche, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts an die Restauration der alten Gesänge des Gregorianischen Chorals machten. Die Verbundenheit der Benediktiner mit der klösterlichen Gesangstradition geht zurück auf ihre Ordensregel. Benedikt von Nursia (ca. 480–547)4gibt in seiner «Regula Benedicti» (RB) die Beschreibung eines spirituellen Lebens nach dem Vorbild der Bibel, besonders der Bergpredigt (Mt 5,1–7,29). Im Zentrum jedes christlichen Lebens – nicht nur des Mönchslebens – steht die Meditation der heiligen Texte und das Gebet. Ausgangspunkt der Gebetspraxis im Christenleben sind die Worte Jesu und der Apostel, wonach die Gläubigen «allezeit beten» sollen (Lk 18,1; 1 Thess 5,17). In der Klosterregel wird also das – gesungene – Gebet in die Ordnung des Lebens gestellt und festgeschrieben.
Schon monastische Ordnungen vor der Regel Benedikts schreiben gemeinsame Gebetszeiten
der Mönche vor. Die RB legt besonders viel Gewicht auf die genaue Ordnung der Liturgie und somit des Chorgebets. Die Kapitel 8 bis 20 der 73 Kapitel umfassenden Regel widmen sich dem Gebet und dem Psalmgesang. Darin enthalten ist eine vollständige Offiziumsordnung, die älteste dieser Art in der Geschichte der abendländischen Kirche. Das Officium Divinum («Pflichtprogramm»)5, das Stundengebet der Psalmen, ist also das Fundament des klösterlichen Gebetslebens. Im Folgenden soll sein Ablauf in der Tradition der Benediktsregel erklärt werden.

2.2 Das Stundengebet
In Kapitel 16 seiner Mönchsregel kommt Benedikt auf das Stundengebet am Tag zu sprechen. Er stützt sich auf das Buch der Psalmen (Ps 119,164), wenn es heißt: «Entsprechend dem Wort des Propheten: ‹Siebenmal am Tag singe ich dein Lob›» (RB 16,1) Benedikt fährt fort: «Diese geheiligte Siebenzahl wird von uns dann erfüllt, wenn wir unseren schuldigen Dienst leisten zur Zeit von Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet.» (RB 16,2) Dies sind die sieben Gebetszeiten am Tag. Hinzu kommen die Gebetszeiten in der Nacht. Benedikt schreibt: «Und bei Nacht stehen wir auf, um IHN zu preisen.» (RB 16,5. Benedikt zitiert Psalm 119,62) Gemeint sind hier die Vigilien (Nachtwachen). Diese Gebetszeiten (Horen) bestimmen den Tagesablauf im Kloster. Die Laudes – das Morgengebet – wird um ca. 4.30 Uhr gefeiert, bei Sonnenaufgang. Die Namen der Gebetszeiten Prim, Terz, Sext, Non stehen für die Stunde des Tages, zu der sie gefeiert werden. Die erste Stunde (Prim) entspricht 6 Uhr morgens, die dritte Stunde (Terz) ist 9 Uhr, die sechste Stunde (Sext) 12 Uhr und die neunte Stunde (Non) 15 Uhr. Um 17 Uhr steht die Vesper – das Abendgebet – auf dem Programm. Mit dem Gebet der Komplet um 19.30 Uhr beschließen die Mönche ihre Tagesaktivitäten. Die genauen Uhrzeiten der Gebete sind je nach Kloster und nach Jahreszeit unterschiedlich. Wer aber beispielsweise um die Mittagszeit an einem Kloster vorbeikommt, hat gute Chancen, die Mönche in der Klosterkirche beim Chorgebet anzutreffen.
Der gesamte Tagesablauf des Klosters steht also im Zeichen der Gebetszeiten. So ist auch der natürliche Lauf der Sonne ein häufiges Motiv in den Texten der Gesänge. Vor allem in
den Hymnen rufen die Klosterbrüder morgens das Licht Gottes an, abends bitten sie für einen
ruhigen gesegneten Schlaf. Im Hymnus der Mittwochs-Vesper, entnommen dem Stundenbuch «Die Feier des Chorgebets» des Zisterzienserordens (Zisterzienserkloster Langwaden, 1996. S. 181), heißt es: «Und wenn das tiefe Dunkel der Nacht den Tag geschlossen, kenne der Glaube keine Finsternis, und die Nacht leuchte im Glaubenslichte. (…) Frei von schlüpfrigem Sinne möge von Dir träumen des Herzens Grund, damit uns nicht durch die List des neidischen Feindes Entsetzen wecke aus der Ruhe.»
Diese Textpassage zeigt deutlich, wie die Gesänge untrennbar mit dem Leben der Menschen im Kloster verbunden sind. Hoffnung, Freude, Angst und Sorgen bringen die Mönche in den gemeinsamen Gebetszeiten vor Gott. Dies ist Teil des Gottesdienstes, für den diese Menschen leben. Die Mönche erkennen sich in der Beziehung zu ihrem Gott und bringen ihrem «Schöpfer Lob dar, wegen seiner gerechten Entscheide» (RB 16,5).
Schaut man den Aufbau der einzelnen Gebetsstunden an, fällt auf, dass sie je nach den Grundsätzen des Wortgottesdienstes aufgebaut sind. «Ihr Mittelpunkt ist die Schriftlesung; darauf antworten Antwortgesänge; den Abschluss bilden Fürbitten und Gebete. Voraus gehen drei Psalmen, die wechselweise (antiphonal) gesungen werden» (Berger, 1993, S. 159).
Der Psalmengesang macht den größten Teil des Stundengebets aus. Entsprechend der Regel Benedikts sind alle 150 Psalmen in einer Woche durchzubeten (RB 18,25). Die Verteilung der Psalmen schreibt Benedikt so vor: In der Laudes, der Komplet und in den kleinen Horen Prim, Terz, Sext und Non werden je drei Psalmen gesungen. In der Vesper sind es vier. In den Vigilien werden pro Nacht zwölf Psalmen gesungen. Benedikt weicht teilweise vom Brauch ab, die Psalmen in der Reihenfolge des biblischen Buches zu singen. Gewisse Psalmen werden für bestimmte Gebetszeiten ausgewählt und bekommen so eine feste Deutung durch ihre Stellung in der Liturgie. Auch bei Reformen des Stundengebets – insbesondere bei der Schaffung eines deutschen Antiphonales – war die Verteilung der Psalmen auf die Wochentage und Tageszeiten von besonderer Bedeutung. Benedikt selbst räumt jedem Kloster für diese Aufgabe eine gewisse Freiheit ein, wenn er sagt: «Sollte diese Psalmenverteilung jemandem missfallen, treffe er eine andere Ordnung, wie er sie für besser hält.» (RB 18,22)
Zu den Psalmen kommt eine große Anzahl von Antiphonen hinzu. Im «Benediktinischen Antiphonale» umfasst das Repertoire an die 1400 solcher Begleitverse zu den Psalmen.
Funktion der Antiphone ist es einerseits, den Chor auf die Tonart des folgenden Psalms einzustimmen.
Zweitens fasst die Antiphon den Sinngehalt des Psalms zusammen. Die Aussagen der biblischen Worte sollen dadurch verstärkt werden. Die Antiphone bilden so einen Rahmen um die Psalmen. Ebenfalls vor, zwischen oder nach den Psalmen wird die sogenannte «kleine Doxologie»6 – das Gloria Patri – gesungen.
Es ist eine kurze Lobpreisung auf den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Das Singen des «Ehre sei» ist schon vor Benedikt die Regel.
Neben den Psalmen spielen noch andere Bibeltexte eine wichtige Rolle in der Stundenliturgie. Es sind dies die Cantica. Cantica sind Loblieder aus dem Alten und Neuen Testament. Die wichtigsten neutestamentlichen Cantica sind das Benedictus (Lobgesang des Zacharias, Lk 1,68–79), das Magnificat (Lobgesang der Maria, Lk 1,46–55) und das Nunc Dimittis (Lied des Simeon, Lk 2,29–32). Gemäss der Benediktsregel haben die Cantica ihren festen Platz in der Laudes und der Vesper.

2.2.1 Psalmengesang
Wie in Kapitel 1.2 gezeigt, waren die Psalmen schon in der jüdischen Synagoge wichtiger Bestandteil des Kults. Unter den Büchern des Alten Testaments nimmt das Buch der Psalmen, der Psalter, eine vorrangige Stellung ein. Als Zitate haben die Psalmen auch im christlichen Neuen Testament einen großen Stellenwert. «Etwa ein Drittel aller Zitate und Anspielungen auf alttestamentliche Texte im Neuen Testament beziehen sich auf die Psalmen.» (Löning, 1998, S. 296) Auch in der frühen Kirche fanden die Psalmen eine breite Aufnahme. Im christlichen Verständnis sind die Psalmen «Stimme der Kirche», gar «Stimme Christi». «Die Kirche hat mit den Psalmen auf die in Christus erfüllte Offenbarung geantwortet.» (Einheitsübersetzung, 1985, S. 615) Die Theologie unterscheidet verschiedene Psalm-Gattungen:
Loblieder (Hymnen), Danklieder, Klagelieder eines Einzelnen und des Volkes, Bittpsalmen, Wallfahrtslieder (Zionslieder), Königslieder, Weisheitslieder, messianische Psalmen. «In den Psalmen klingt die ganze Skala menschlicher Grundstimmungen auf, so dass sich der Beter mit den Menschen, mit der Kirche, mit Christus solidarisieren kann.» (Holzherr, 1993, S. 159)
Betrachten wir die Verwendung der Psalmen in der christlichen Liturgie, lässt sich ein Wandel vom Psalm als Lesetext zum Psalm als Gebetstext beobachten. «Als Text der Heiligen Schrift dienten sie [die Psalmen] den Mönchen zur lectio (Lesung), auf die sie mit einem Gebet (oratio) antworteten. Damit waren aber die Psalmen selbst noch nicht Gebet.» (Lentes, 1998, S. 324) Der Benedikt-Forscher Adalbert de VogüÉ macht ein verändertes Psalmverständnis in der Regel Benedikts aus: «Als schließlich der Brauch sich durchsetzte, den Psalm chorweise, Vers für Vers zu singen, erinnerte nichts mehr daran, dass der Psalm ursprünglich dazu bestimmt war, von den Anwesenden gehört zu werden und zum nachfolgenden Gebet anzuregen.» (A. de VogüÉ, 1986, S. 178) Durch die festgeschriebene Verwendung im Stundengebet brachten es die Psalmen auch als Gebetstexte für den privaten Gebrauch zu großer Verbreitung.
«Der Liturgie, nicht seiner Zugehörigkeit zum Kanon der biblischen Bücher, verdankt der Psalter seine vielfältige Rezeption.» (Lentes, 1998, S. 331) Das Geheimnis des Erfolgs der Psalmen lässt sich auch damit erklären, dass sie in ihrer poetischen Form Lieder sind, die zum Singen geschrieben wurden.

2.2.2 Psalmodie
Eine spezifische poetische Eigenschaft der Psalmen ist in der hebräischen Sprache begründet. Die zwei aufeinander folgenden Zeilen eines Psalmverses stehen meist in einer gedanklichen Beziehung zu einander 7. Sinngehalt und Bildhaftigkeit der Aussage der ersten Zeile werden in der zweiten Zeile wiederholt, verstärkt oder variiert. «Diese poetische Struktur fand auch im Gregorianischen Choral größtmögliche Berücksichtigung.» (Agustoni, 1993, S. 280) Von ihrabgeleitet ist die antiphonale Gesangsweise, das wechselseitige Singen der Versteile zwischen zwei Chorhälften.
Größte Bedeutung beim Singen von Psalmen kommt dem Verhältnis zwischen Wort und Ton zu. In der Psalmodie bekommt das Psalmwort einen «Ton», den Psalmton. Er stellt das Melodieschema dar, nachdem der Text musikalisch ausgestaltet wird. Wichtigstes Element des Psalmtons ist der Rezitativton (Tenor), auf dessen Grundlage der Psalm vorgetragen wird. Zu Beginn des Psalmes steht die Intonation (Initium). Sie ist eine Melodieformel, die vom vorstehenden Antiphon zum Rezitativton des Psalms überleitet. In der Mitte des Psalmverses sorgt die Mittelkadenz, am Ende die Schlusskadenz (Finalis) für die melodische Ausgestaltung. Die Psalmtöne sind nach den acht Kirchentonarten (Modi) eingeteilt. In ihrer musikalischen Form liegt die Psalmodie nahe an der Kantillation (vgl. Kapitel 1.2). Im Unterschied zur Kantillation steht bei der Psalmodie aber nicht die «darstellende vortragende» Funktion im Mittelpunkt. Viel eher will die Offiziums-Psalmodie in der einfachen Melodiegestaltung Verinnerlichung und Meditation fördern.
Auch wenn der Psalmengesang in der klösterlichen Tagzeitenliturgie das Absolvieren eines
aufgetragenen Pensums darstellt, trägt genau dies zum Umfeld bei, das den Mönch in seinem Gebet trägt und fördert. Benedikt erinnert in seiner Regel daran, dass beim Chorgebet der ganze Mensch vor Gott und den Engeln steht. «Bedenken wir also, wie wir uns verhalten sollen unter den Augen Gottes und seiner Engel, und stehen wir beim Singen der Psalmen so, dass unser Denken und unser Herz im Einklang mit unserer Stimme sind.» (RB 19,6–7) Grosse Bedeutung bekommt damit der spirituelle Aspekt des Choralgesangs in der klösterlichen Tradition. Ihren je ganz persönlichen Zugang zum Geheimnis des Gregorianischen Chorals haben die Gregorianikforscher gefunden, die selbst Mönch oder Priester sind. Immer wieder weisen sie darauf hin, dass der Gregorianische Choral und überhaupt die Liturgie der Kirche nur als ganzer Mensch erfasst werden kann. Eine Sammlung von Zitaten verdeutlicht diesen Punkt: Pater Roman Hofer: «Der eigentliche Sinn von Liturgie liegt dort, wo sie Gottesdienst und Alltagsleben umspannt als ein für beide gemeinsamer Lebensstil.» (Hofer, 1990, S. 9)
Don Luigi Agustoni: «Er [der Gregorianische Choral] besitzt wahre religiöse Tiefe. Das beruht nicht nur darauf, dass er religiösen Riten wie denen der Liturgie Ausdruck verleiht (…),
sondern auch darauf, dass das gesungene Wort durch intensive Gotteserfahrung zur Reife gekommen ist.» (Agustoni, 1993, S. 206)
Pater Roman Bannwart: «In diesem Sinne führt der Choral (…) zur Erfahrung der körperlich- seelischen Zusammenhänge durch die menschliche Stimme.» (Bannwart, 1992, S. 114)


Kapitel 3

Der einzelne Mönch im Chor der Brüder
Der Mensch im Spannungsfeld zwischen dem persönlichen Vor-Gott-Stehen und dem Eingebundensein in die Ordnung der Gemeinschaft ist Thema dieses Kapitels. Lebendig wird der Gregorianische Choral in der liturgischen Ordnung nur im Mönch selbst, der ihn – in der Gemeinschaft der Mitbrüder – praktiziert. Deshalb gilt die Betrachtung im ersten Abschnitt dieses Kapitels dem Leben der Mönche in der klösterlichen Gemeinschaft. Es soll aufgezeigt werden, in welcher Umgebung sich der Mönch in seiner Übung des geistig-geistlichen Lebens befindet und wie das Zusammenspiel zwischen ihm und der Gruppe vor sich geht. Im zweiten Teil soll untersucht werden, welche Bedeutung der Meditation und dem Gebet im Persönlichen und im Gemeinschaftlichen zukommt.

3.1 Der Mönch in der Gemeinschaft
Das Chorgebet bringt die Einheit mit Gott, mit sich selbst und mit der Gemeinschaft der Mitbrüder zum Ausdruck. «Besonders gut eignen sich die gregorianischen Gesänge für das Beten in der Gemeinschaft. Gerade ihre Einstimmigkeit vermag das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Einmütigkeit zu vermitteln und zu fördern.» (Agustoni, 1993, S. 206) Wie wir gesehen haben, bilden die Gebetszeiten das Gerüst für den klösterlichen Tagesablauf. Die Regel gibt dem äußerlichen Leben eine Ordnung, und sie hilft auch dem inneren Leben, eine Ordnung zu finden.

3.1.1 Einheit von Innen und Aussen
Bekannt ist der benediktinische Leitspruch «ora et labora», der das Innen und das Außen des Mönchsleben auf eine kurze Formel bringt. Das Ora steht für das Innere des Mönchs, für das Gebet. Das Labora für das äußere, die praktische Arbeit. Beide zusammen bilden einen Lebensstil, der einen gesunden Ausgleich der geistigen und körperlichen Kräfte ermöglicht.
Noch deutlicher wird die Beschreibung des Mönchslebens, wenn wir die folgenden Werte betrachten, unter die sich der Mönch, der in ein Kloster eintritt, nach der benediktinischen Tradition stellt: Opus dei, Oboedientia, Obprobria (Gottesdienst, Gehorsam, Verdemütigungen). In diesen drei O ist das Verhältnis des einzelnen Mönchs zum Leben in der klösterlichen Gemeinschaft – auch im Chorgebet – zusammengefasst.
«Im Opus Dei ist alles enthalten, was die Beziehung des Mönchs zu Gott ausmacht, also das Ora im Sinne des gemeinsamen und persönlichen Gebets, der Lesung, des Studiums, der Meditation, der Gottesdienstvorbereitung.
Die Oboedientia regelt das Leben in der Gemeinschaft, bedingt ein unaufhaltsames Hören aller nach oben, nach unten, auf die Seite hin. Die Obprobria schließlich beziehen sich auf die Arbeit, also das Labora, besonders auf die Handarbeit oder die unangenehmen Arbeiten.»
(Müller, 1997, S. 86)
Im Kloster kommt es also auf drei Dinge an: Auf die persönliche Reifung durch Lesung, Gebet und Meditation, auf die konkrete Gestaltung des gemeinschaftlichen Lebens und auf die Erfüllung der aufgetragenen Arbeit. Die letztgenannte Aufgabe müssen wir nicht weiter beobachten.
In der weiteren Betrachtung geht es um die persönliche Andacht und um die Gemeinschaft.

3.1.2 Vom Einzelnen zur Gemeinschaft
Oft erscheint es als Widerspruch, wenn sich der Mönch auf der einen Seite mit Gebet und Meditation von der Welt absondern und Askese üben will und sich auf der anderen Seite in die Struktur des Klosters stellt, der gegenüber er zum Gehorsam verpflichtet ist. In der Askese sucht der Mönch das «Außeralltägliche» (Max Weber, in: Schmelzer, 1979, S. 124), das
Weltfremde; im Gehorsam gegenüber der Gemeinschaft bindet er sich an Alltägliches, Weltliches.
Schauen wir uns die Geschichte des Mönchtums an, so sehen wir, dass am Anfang dieserBewegung tatsächlich das Absondern von der Welt stand. Die Anachoreten zogen sich ab dem
3. Jahrhundert in die Einsamkeit der ägyptischen und syrischen Wüste zurück, um den Dämonen der Welt zu entfliehen. Stattdessen sahen sie sich in der Askese den Dämonen in ihrem Innern gegenübergestellt. «Der Anachoret kämpft nicht mehr gegen die Welt; er kämpft gegen die Dämonie seines körperhaften Selbst.» (Mühlenberg, 1991, S. 80) Mit dem Sieg gegen die Dämonen macht sich der Asket frei für die Nächstenliebe. In der Entwicklung der Mönchsbewegung schließen sich die Asketen mehr und mehr zu Kolonien zusammen. Neulinge wollen sich von den greisen «Wüstenvätern» in der Askese unterweisen lassen. Der Vater begleitet seine «Söhne» auf ihrem spirituellen Weg zu Demut und Liebe. Der Mönchsvater Pachomius verfasst als erster eine Klosterregel. «Durch genossenschaftlichen Gehorsam wird die Praxis der Demut institutionalisiert.» (Mühlenberg, 1991, S. 81) Durch die Regel wird die äußere Ordnung gefestigt. Die steigende Zahl von Mönchen und die vorgeschriebene Arbeit verschafft den Klöstern auch wirtschaftliche Bedeutung. In der späteren Geschichte nimmt die Formalisierung der Klöster zu. Weltliche Herrscher unterstellen die Klöster ihren eigenen Rechtsansprüchen. Die römische Kirche integriert die Klöster ins Kirchensystem.
Historisch betrachtet, ließe sich also eine Verschiebung vom Innen zum Außen feststellen. «Der fuga mundi (Weltflucht) folgt eine creatio mundi, die Errichtung des Klosters.» (MalfÈr, 1997, S. 151) Diese Bewegung weist indessen auf den dynamischen Prozess des Werdens von Kultur hin: Die gelebte Spiritualität der Mönche prägt das gemeinsame Miteinander.
Aus der Reifung durch die Askese ergibt sich eine Kulturform der Liebe, der Demut und des Gehorsams. Kulturwissenschaftler sind zur Ansicht gelangt, dass die einzelne Person und ihr Umfeld miteinander im Austausch stehen und so Kultur prägen. «Personalität und Gemeinschaft sind komplementäre Pole eines kulturellen Lebens. Sie konstituieren sich wechselseitig.» (Lang, 1995) Dies ist selbstverständlich der Fall, wenn die Einheit von Innen und Außen intakt ist.

3.1.3 Tradition und Wandel
Um die Betrachtung des kulturellen Wachsens der Mönchsgemeinschaft noch weiter auszugestalten, soll der Argumentation des Kulturpsychologen Alfred Lang, Universität Bern, gefolgt werden. Lang will in seinen Arbeiten aus dem «dualistischen Holzwege-Dschungel» des westlichen Weltbildes ausbrechen. Seine «semiotische ökologie untersucht Lebewesen als werdende Strukturen in ihrer Umwelt als evolvierendes dynamisches System». «Personalität und Kulturalität sind Aspekte ein- und desselben geschichtlichen Prozesses der Bildung von mehr oder weniger überdauernden Strukturbildungen.» (Lang, 1995) Tradition und Wandel in der Gemeinschaft sind aus der «Systemdynamik selbst und angesichts von wechselnden ökologischen, ökonomischen, nachbarschaftlichen und kommunikativen Rahmenbedingungen» abzuleiten.
über die Beständigkeit von Traditionen kann festgestellt werden: «Die stabilisierenden Momente menschlicher Geschichtlichkeit sind (…) im beharrenden Umgang mit kulturellen Errungenschaften zu sehen, die sich in vielfacher Adoption und Repetition von Innovationen einerseits und ihrer Abwehr anderseits herausbildet.» Auf der anderen Seite steht der Wandel: «Die den kulturellen Wandel bestimmenden Momente gehen wesentlich von Individuen als Personen aus, sind jedoch für ihr Wirken von der Aufnahme durch andere abhängig. Kulturelle Traditionen sind auf innovative Individuen und reflektierende Personen angewiesen.»
Reformen und Neuerungen ergeben sich innerhalb des Mönchtums immer dort, wo die Einheit von Innen und Außen von Einzelnen als gestört empfunden wird, und wo diese Individuen sich dagegen stark machen. Am Beispiel des Reformators Martin Luther (1483–1546) soll dies kurz gezeigt werden.
Der Augustinermönch Luther wendet sich vehement gegen die sein Leben bestimmende Tradition, gegen Klosterordnung und Sakramente. Er sucht die Unmittelbarkeit Gottes in der Bibel: «So wie er – zunächst für sich – mit seiner Bibellektüre und später – für andere – mit seiner Bibelübersetzung das distanzierende Element der Tradition beiseite schiebt und den
‹unverfälschten› Zugang zum ‹einzig wahren Wort›, zum unmittelbar gegebenen ‹Wort Gottes› herstellt, so zerstört er mit der Reduzierung der Sakramente auf Taufe und Abendmahl den Zyklus der rituell geordneten und sakralisierten Lebensstationen.» (Soeffner, 1995, S. 36)
Luther wehrt sich damit gegen die äußere Form der Tradition, die so dominant geworden ist, dass er sich daran gehindert sieht, als Mensch direkt mit Gott in Verbindung zu gelangen. Luther will die Gotteserfahrung wieder ins Innere jedes Menschen zurückverlegen. Luthers individuelle Impulse haben schließlich eine bedeutende Auswirkung: «Der ‹äußeren› Kirche als sakrale Institution sind damit aus protestantischer Sicht nicht nur Legitimation und Macht entzogen, sondern auch – was entscheidender ist: ihr Einfluss auf die alltägliche Lebenspraxis.» (Soeffner, 1995, S. 44) Luther schafft eine neue Ordnung für die (protestantische) Kirche, die die bisherige Ordnung ablöst.
Diese Darlegung will deutlich machen, dass der Einzelne und die Gemeinschaft nicht dualistisch voneinander getrennte Positionen sind. In der Tradition und im Wandel des Mönchtums stehen beide in einem dynamischen Verhältnis zueinander. Die Mönchsgemeinschaft findet gerade durch das Miteinander zu ihrer kulturellen Ausprägung. Die Regel Benedikts hebt durch die Anweisung zum Gottesdienst und zum Gehorsam die Einheit vom Einzelnen und der Gemeinschaft hervor.

3.2 Das einsame und das gemeinschaftliche Gebet
Ein anderer Neuerer des Mönchtums war der amerikanische Trappistenmönch Thomas Merton (1915–1968). Auch er stellt die individuelle Übung der Askese und der Demut gegenüber der äußeren Tradition in den Vordergrund. «Das bloße Lernen und Ausüben monastischer Rituale und Gebräuche macht noch keine wirkliche geistliche Disziplin aus, obwohl sie durchaus eine geeignete Grundlage für eine geistliche Schulung schaffen können. Aber die wahre Disziplin ist innerlich und persönlich.» (Merton, 1965, S. 142)
Obwohl die Benediktsregel die asketische Übung zu Gunsten der Arbeit abschwächt, bleibt
die Überlieferung der Spiritualität, wie sie die «alten Väter» pflegten, bestimmend für das ideale Mönchsleben. Auch Benedikt stützt sich bei der Formulierung seiner Regel auf die Lehren der Mönchsväter: «Die ‹Lebensbeschreibungen der Väter› werden von Benedikt empfohlen und klingen bei ihm selber oft an.» (Holzherr, 1993, S. 16) In der Tradition der Klöster, die sich an die RB halten, lebten die Lehren weiter und prägten so das abendländische Mönchtum.
In der Askese sucht der Mönch seine eigene Tiefe und die Gegenwart Gottes. Durch die geistliche Reifung gelangt er zu einer größeren Freiheit seines Menschseins. Zentral ist dabei die Meditation.
3.2.1 Persönliches Gebet
Zum persönlichen Opus Dei gehört das Lesen der Heiligen Schrift (lectio divina) und das Gebet (oratio) – vor allem der Psalmen. Die spirituellen übungen, die der Mönch für sich allein (in der Zelle) erfüllt, werden schon in der frühmonastischen Literatur mit «meditatio» bezeichnet. Die Meditation der Heiligen Schrift soll den Mönch «zu einer Lebenspraxis führen, die mit dem Wort der Schrift in übereinstimmung steht» (Puzicha, 1997, S. 55). In der Meditation spricht der Mönch die Texte leise vor sich her. Man spricht auch von der «ruminatio», des «Wiederkäuens» der Schriftworte. Im unaufhörlichen Aussprechen und Rezitieren erfüllt der Mönch die Forderung, «allezeit» zu beten (vgl. Kapitel 2.1). «Die Meditation ist die ständige Erinnerung an die Gegenwart Gottes mitten im Leben und mitten im Alltag.» (Puzicha, 1997, S. 56) Während sich der Mönch in der Meditation Bibelworte zuspricht, hört er in der Kontemplation auf die Antwort Gottes. Kontemplation ist eine «liebende Aufmerksamkeit» (Johannes von Kreuz, in: Jäger, 1985, S. 7) des Beters gegenüber Gott. Es ist ein Stillwerden, das zur inneren Erkenntnis des Menschen in der Verbundenheit mit Gott führt. Darin reift die Demut. «Demut und Ehrfurcht» sind sodann auch für Benedikt die Grundbedingungen für wahres Beten (RB 20).

3.2.2 Chorgebet
«Das äußere Tun ist um des inneren Mysteriums willen da.» (Hofer, 1990, S. 13) So wiederholen sich im gemeinsamen Chorgebet auch die Teile des persönlichen Gebets: Psalmengesang, stilles Hören und kurzes spontanes Beten. Das Chorgebet bildet keinen Höhepunkt im unablässigen Beten des Mönchs. Besonderen Charakter bekommt es aber dadurch, dass es ein Gemeinschaftsgebet ist. Der einzelne Mönch sieht sich mit seinen Mitbrüdern verbunden und «darüber hinaus mit der ganzen Schöpfung. Dass sich die Zeiten des Gebets nach dem Rhythmus des natürlichen Lichts richten, ist ein deutliches Zeichen dieser kosmischen Verbundenheit» (Holzherr, 1993, S.152). Sie kommt musikalisch in der Einstimmigkeit und im «besinnlich-beschauliche Gepräge» des Gregorianischen Chorals zum Ausdruck. Die Mönche pflegen diese Musik, weil sie offenbar gespürt haben, «dass die gregorianischen Melodien (…) für ihren Auftrag, täglich zu gewissen Stunden Gott singend zu verherrlichen, geeignet sind» (Bannwart, 1992, S. 111). Das gemeinsame Singen fördert zudem sowohl das andauernde Meditieren der Bibelworte als auch «den inneren Zusammenklang» (Agustoni, 1993, S. 205) in der Gemeinschaft der Brüder.


Schlusswort
Entsprechend dem Titel – «Gregorianischer Choral in der Gemeinschaft der Mönche» – wurden in dieser Arbeit die Hintergründe des monastischen Chorgesangs beschrieben. Die Beschreibung orientierte sich über weite Strecken an der Tradition der Benediktsregel. Aus diesem Grund können hier zum Schluss noch einmal – heutige – Benediktinermönche zu Wort kommen. Auf ihrer Internetseite8beschreiben die Mönche der Abtei Münsterschwarzach (Deutschland) ihre Aufgaben so: «Uns Benediktinern ist wichtig auf unserem Weg: Das Gebet – Gemeinsamer Psalmengesang, Feierliche Gottesdienste, Feier des Kirchenjahres; Meditation – Stille, Hören, Üben; die Arbeit – in den klostereigenen Werkstätten, Seelsorge, Schule, Jugendarbeit, Mission, Verantwortung für die Welt; Gemeinschaft – im Gespräch, im Feiern, sich gegenseitig unterstützen, gemeinsam Zukunft gestalten, kreativ sein, Versöhnung lernen».
Mit diesen Worten wird noch einmal zusammengefasst, was das «ordentliche Leben» des Mönchs ausmacht. Der Gregorianische Choral steht in der Aufzählung als «gemeinsamer Psalmengesang» wohl nicht zufällig an vorderster Stelle. Als Teil des «Schatzes der Kirchenmusik» soll er in der katholische Kirche weiterhin «den ersten Platz einnehmen» (Liturgiekonstitution, Zweites Vatikanisches Konzil). Das II. Vaticanum sprach sich ebenfalls – mit Blick auf die ökumene – für einen neuen Zugang zu den Quellen des östlichen Mönchtums und der monastischen Spiritualität aus. Das soll für alle Christen wie auch für die Mönche selbst gelten. «Es geht um eine neue (bzw. ursprünglich-authentische) Sicht der Wirklichkeit des Mönchtums.» (Puzicha, 1997, S. 52) Der Gregorianische Choral kann als identitätstiftende Stütze des Mönchtums herangezogen werden. Er ist das äußere Anzeichen der monastischen Kult(ur)form, die ihren inneren Gehalt aus der spirituellen Erfahrung der einzelnen Mönche schöpft, und die sich aus der frühen christlichen Kirche, über das Mönchtum ausgestaltet und bis in unsere Zeit bewahrt hat.
Die Hauptaussage der Arbeit, wie sie vor allem im dritten Kapitel dargelegt wird, lässt sich hier folgendermaßen zusammenfassen: Die wesentliche Bedeutung sowohl des Gregorianischen Chorals wie des Mönchslebens kann nur erschlossen werden, wenn die einsame Einkehr
und das gemeinschaftliche Miteinander als einheitliche Lebensform verstanden wird. Diese Lebensform, zu der die Benediktregel anleiten will, bietet das Umfeld, in dem der Einzelne durch die übung von Demut und Liebe zu einem friedlichen Zusammenlaben mit seinen Mitmenschen findet, und das in einem gesunden Ausgleich von körperlichen und geistigen Kräften.


Anhang

Literatur- und Quellenverzeichnis

Agustoni, Luigi: Gregorianischer Choral. in: Musch, Hans (Hg.), Musik im Gottesdienst, Band 1: Historische Grundlagen, Liturgik, Liturgiegesang. Regensburg: Con Brio, 1993
Bannwart, Roman: Vision und Realität. Zur Praxis der Gregorianik heute. in: Bräm, Thüring: Bewahren und öffnen. Ein Lesebuch zu «50 Jahre Konservatorium Luzern, 1942–1992». Wege; Musikpädagogische Schriftenreihe; Band 4. Aarau. Musikedition Nepomuk, 1992
Benedikt von Nursia: Die Benediktsregel (RB). Eine Anleitung zu christlichem Leben; Der vollständige Text der Regel, lateinisch–deutsch. übersetzt und erklärt von Georg Holzherr (Hg.). 4., überarbeitete Auflage. Zürich: Benziger, 1993
Berger, Rupert: Der christliche Gottesdienst. in: Musch, Hans (Hg.), Musik im Gottesdienst, Band 1: Historische Grundlagen, Liturgik, Liturgiegesang. Regensburg: Con Brio, 1993
Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift: Die Bibel; Psalmen und Neues Testament; ökumenischer Text (herausgegeben im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, österreichs, der Schweiz, des Rates der
Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bibelgesellschaft). Gesamtausgabe, 3. Auflage. Stuttgart, 1985
Elschek, Oskar: Verschriftlichung von Musik. in: Bruhn, Herbert; Rösing, Helmut (Hg.). Musikwissenschaft. Ein Grundkurs. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 1998
Füglister, Notker: Prinzipielle Postulate an eine monastische Brevierreform. in: Hofer, Roman. Engelberger Musikhefte; Kirchenmusikalische Referate II, Heft 25. Engelberg: 1996
Hofer, Roman: Das Benediktinische Antiphonale (Münsterschwarzbach 1996). in: Hofer, Roman. Engelberger Musikhefte; Kirchenmusikalische Referate II, Heft 25. Engelberg: 1996
Hofer, Roman: Kirchenmusik im Neuen Testament und in Ihrer Geschichte. Engelberger Musikhefte, Kirchenmusikalische
Referate I, Heft 19. Engelberg: 1990
Holzherr, Georg: Einführung und Kommentar. in: (Benedikt von Nursia). Die Benediktsregel. Eine Anleitung zu christlichem Leben; Der vollständige Text der Regel, lateinisch–deutsch. übersetzt und erklärt von Georg Holzherr (Hg.). 4., überarbeitete Auflage. Zürich: Benziger, 1993
Jäger, Willigis: Kontemplatives Beten. Einführung nach Johannes von Kreuz. Schriften zur Kontemplation, Band 1. Münsterschwarzbach: Vier-Türme-Verlag, 1985
Jaschinski, Eckhard/Pacik, Rudolf: Aussagen kirchlicher Dokumente zu Musik und Gesang im Gottesdienst. in: Musch, Hans (Hg.), Musik im Gottesdienst, Band 1: Historische Grundlagen, Liturgik,
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Joppich, Godehard: Vom Schriftwort zum Klangwort. in: Hofer, Roman. Engelberger Musikhefte; Kirchenmusikalische Referate II, Heft 25. Engelberg: 1996
Lang, Odo: Codex 121 Einsiedeln. Gradualien und Sequenzen. CD der Chorschola des Klosters Einsiedeln. Eremitana 92-1001, 1992
Lang, Alfred: Allgemeine Thesen zum Verhältnis Individuum / Person–Gemeinschaft / Kultur. Thesen im Seminar im SS 1995 mit Rainer Schwinges: Das Werden der Person im Mittelalter. Unpublished
Manuscripts 1995. Universität Bern, Internet: http://www.cx.unibe.ch/psy/ukp/langpapers/pap1994-99/1995_person_kultur.htm
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MalfÈr, Benno: Das Kloster als ethisches Projekt. in: Löhrer, Magnus/Steiner, Markus (Hg.): Lebendiges Kloster. Festschrift für Abt Georg Holzherr. Freiburg: Paulusverlag, 1997
Merton, Thomas: Im Einklang mit sich und der Welt (Original: Contemplation in a World of Action, 1965). Zürich: Diogenes, 1992
Mühlenberg, Eckkehard: Epochen der Kirchengeschichte. 2., überarb. Auflage. UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher 1046: Heidelberg, Wiesbaden: Quelle und Mayer, 1991
Müller, Christoph: «Wenn einer ankommt, um ein klösterliches Leben zu beginnen…» (RB 58,1) – Gedanken und Erinnerungen eines ehemaligen Novizenmeisters. in: Löhrer, Magnus/Steiner, Markus (Hg.): Lebendiges Kloster. Festschrift für Abt Georg Holzherr. Freiburg: Paulusverlag, 1997
Musch, Hans: Entwicklung und Entfaltung der christlichen Kultmusik des Abendlandes. in: Musch, Hans (Hg.), Musik im Gottesdienst, Band 1: Historische Grundlagen, Liturgik, Liturgiegesang. Regensburg: Con Brio, 1993
Puzicha, Michaela: «Eine Anleitung zu christlichem Leben». Georg Holzherr: Die Benediktsregel. in: Löh-rer, Magnus/Steiner, Markus (Hg.): Lebendiges Kloster. Festschrift für Abt Georg Holzherr. Freiburg: Paulusverlag, 1997
Robertson, Alec/Stevens, Denis: Geschichte der Musik, Die Hochkulturen des Ostens, Das Altertum, Das Mittelalter. Band I, München: Prestel-Verlag, 1965
Schmelzer, Günter: Religiöse Gruppen und sozialwissenschaftliche Typologie. Möglichkeiten der soziologischen Analyse religiöser Orden. Sozialwissenschaftliche Abhandlungen der Görres-Gesellschaft, Band 3. Berlin: Dunker&ampHumbolt, 1979
Soeffner, Hans-Georg: Die Ordnung der Rituale. Die Auslegung des Alltags 2. 2. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995
VogüÉ, Adalbert de: Die Regula Benedicti. Theologisch-spiritueller Kommentar. St. Ottilien, 1986
Wilson-Dickson, Andrew: Geistliche Musik. Ihre grossen Traditionen, Vom Psalmengesang zum Gospel. Aus dem Englischen von Barbara Trebing, Christiane Sauer, Claudia Knerner. Giessen: Brunnen-Verlag, 1994
Zisterzienserkloster Langwaden: Die Feier des Chorgebets. Manuskriptdruck Zisterzienserkloster Langwaden, 1996

1 Unterschieden werden der mozarabische Stil, der auf der Iberischen Halbinsel gepflegt wurde, der gallikanische Stil aus Frankreich, der ambrosianische Stil der Kirchen Mailands, der altrömische Stil aus Rom und der keltische Stil der Britischen Inseln und Teilen Deutschlands.

2 Ein Spezialfall der Kantillation ist die Psalmodie. Mehr zur klösterlichen
Praxis der Psalmodie im Stundengebet im Kapitel 2.2

3 3 Rupert Berger zu den Teilen der Eucharistiefeier: «Die von Christus gestiftete Feier hat zwei Hauptteile: Das Hochgebet und die Kommunion. Vor diese beiden Teile tritt ein Vorbereitungsteil, der von wesentlich geringerer Bedeutung ist. Das neue Messbuch nennt diesen Teil ‹Gabenbereitung› früher nannte man ihn ‹Offertorium›» (Berger, 1993, S. 125).

4Georg Holzherr legt in seinem Kommentar zur Benediktsregel –
den Feststellungen E. Mannings folgend – dar, dass die traditionelle Datierung von Benedikts Geburt und Tod zu früh angesetzt sei (Holzherr, 1993, S. 22).

5Officium Divinum (lat.): Gottesdienst. Officium=Pflicht, Dienst, Amt. Neben dem deutschen Wort «Stundengebet» ist auch «Tagzeitenliturgie» oder «Stundenliturgie» gebräuchlich.

6 Sie wird so bezeichnet im Unterschied zur «grossen Doxologie» – dem Gloria in excelsis Deo der Messe

7 Parallelismus membrorum (Parallelismus der Versglieder). Parallelismus: [grch.] Rhetorik: als rhetor. Figur gleich oder sehr ähnlich gebaute, aufeinander folgende und sich in ihrem Sinn bestärkende Sätze oder Verse (© 1999 Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus
AG).

8 http://www.abtei-muensterschwarzach.de/Abtei/Moench_Werden/Wichtig/Wichtig.html


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© Stefan Bucher, 2000

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