Gregorianischer Choral > 

Im Kloster das Spezialgebiet gefunden

Rolf Steiner

Zum Spezialgebiet kommt man nicht nur während schneller Fahrten auf der Autobahn, sondern auch durch deren Gegenteil: Ruhe und Besinnung. Stefan Bucher  jedenfalls hat diesen Weg gewählt. Er ging ins Kloster. Allerdings nicht, um Mönch zu werden oder  in der Hoffnung, da sein Spezialgebiet zu finden, sondern einfach, um Ruhe zu suchen, Abstand, und sich selbst.

All das fand er in einem Zisterzienserkloster bei Freiburg. Und da beeindruckten ihn der Klosterbetrieb nach der Benediktinerregel, die festen Gebetszeiten, und die uralte Tradition des gregorianischen Chorals. Diese  ruhige, einfache, ungekünstelte Musik gefiel ihm auf Anhieb und auch, dass diese Musik noch immer lebendig ist. Auch fühlte er sich spirituell wohl in diesem Umfeld mit Gebeten und Psalmen. Da lernte er - der Reformierte - auch den Glauben der Katholiken und deren Liturgie kennen. Stefan hatte auch Kontakte zu Freikirchen. Diese seien aber «weit weg von der ursprünglichen Kirche», weil irgendwann Teile der christlichen Tradition abgeschnitten wurden. «Im Gregorianischen Choral habe ich die lebende Kirche wieder angetroffen.»

Dass die Texte dieser Gesänge lateinisch sind, war für Stefan kein Hinderungsgrund, sich damit zu beschäftigen. Er hat zwar einen Lateinkurs an der SAL besucht, kennt heute aber nur noch einzelne Wörter. Lateinkenntnisse seien für das Verständnis der Texte nicht unbedingt notwendig. «Sie bestehen zum grössten Teil aus Psalmen und anderen Passagen aus der Bibel, und die kann man ja auf deutsch lesen. Natürlich gibt es auch Eigendichtungen, aber es geht in meiner Arbeit weniger um den Inhalt als um den Ablauf, das heisst, wann welche Choräle gesungen werden und aus welchem Grunde. Dafür braucht es kein Latein. Ich hatte ja auch nie den Anspruch, die Benediktsregel neu auszulegen aufgrund der Quellen.»

Das Interesse für Musik wurde Stefan nicht in die Wiege gelegt. Auch Literatur und Kunst waren kein Thema in der Familie. Den Weg dazu hat er selber gesucht und gefunden. «Ich habe Zeichen gesehen, die mich weiter geleitet haben zu neuen Bereichen, die Sinn machten.» Das Elternhaus hat ihn nicht religiös geprägt, aber er war im Cevi (Christlicher Verein junger Menschen), wo er sich wohl fühlte und mit biblischen Geschichten konfrontiert wurde. Später hatte er Kontakt zu Freikirchen, aber das hat ihn in seinem Weg zu sich selber, seiner eigenen Interessen, eher behindert. Sein Interesse für Gregorianischen Choral stempelte ihn da zum Exoten. 

Stefan hatte  zuerst einen technischen Beruf gewählt, nämlich  Reproduktionsfotograf. Er wollte aber Journalist werden. Nach einem Einführungskurs am MAZ und einem Praktikum wollte er sich aber eine umfassende Ausbildung  gönnen. «Die SAL war für mich etwas Neues, sie hat meinen Horizont extrem erweitert mit Kursen in Geschichte, Psychologie, Philosophie und Soziologie. Das war für mich irrsinnig spannend. Ich begann mich da für so vieles zu interessieren, was für mich heute wichtig ist. Die SAL hat mein Leben stark verändert.»
Vor allem die Literatur hat es Stefan angetan, und deshalb wollte er ursprünglich ein literarisches Thema, ein lyrisches, zu seinem Spezialgebiet machen. Er begann die literarischen Formen von geistlichen Liedern zu studieren und stiess bei seiner Lektüre auf die Anfänge der Kirchenmusik - also auf den Gregorianischen Choral - , und dann kam das Erlebnis im Kloster: Das Spezialgebiet stand fest!

Von der Idee bis zur Verwirklichung war allerdings ein langer Weg. Wie soll man dieses Thema angehen für eine Proseminararbeit? «Das war für mich ein langer Prozess», erinnert sich Stefan. «Die Proseminararbeit ist ja die eigentliche Herausforderung an der SAL. Mit den im Kurs gelernten Kategorien und Unterkategorien hatte ich Mühe. Ich versuchte zwar, das Material zu ordnen und zu katalogisieren, aber das half mir nicht weiter, weil ich meinte, ich müsse mich unbedingt an die einmal festgelegten Kategorien halten.»  Um die Proseminararbeit überhaupt endlich anpacken zu können, hat er seinen Job als Nachrichtenredaktor bei Tele 24 gekündigt. «Es war für mich wichtig, dass ich mich ganz auf die Proseminararbeit konzentrieren konnte. Es war eine gute Zeit mit der gelungenen Arbeit zum Abschluss.»

Heute arbeitet Stefan bei WORKFARE, einem Fachdienst der Asyl-Organisation Zürich. Er schreibt für deren Zeitschrift BULLETIN und führt mit  Asyl Suchenden einen Journalismuskurs durch. «Das war eine echte Herausforderung», sagt er, aber ein Didaktikkurs an der SAL habe ihm sehr geholfen. Auch seine Zukunft sieht er in der Erwachsenenbildung, vielleicht auch im kirchlichen Bereich.  Freuen würde ihn, wenn er seine Arbeit über den Gregorianischen Choral nicht nur auf seiner Seite im Internet publiziert sähe (http:// www.stefanbucher.net/gregorianik/), die mehrmals pro Woche besucht wird, sondern auch in irgendeiner gedruckten Form.

Die intensive Beschäftigung mit dem Mönchswesen hat Stefan trotz aller Begeisterung nicht dazu verleitet, in ein Kloster einzutreten. Er hofft vielmehr, baldmöglichst mit seiner Freundin zusammenziehen zu können.

© Semikolon, Schule für Angewandte Linguistik SAL, Februar 2001

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