Gregorianischer Choral > 

Vortrag – Einstimmigkeit in der Gemeinschaft der Mönche


Warum sind die Gesänge des Gregorianischen Chorals einstimmig?

Eine Antwort auf diese Frage werde ich im Laufe meines Vortrags geben. Bevor ich dies aber tun kann muss ich zuerst von der Bedeutung der Gebetszeiten im Kloster im Allgemeinen sprechen. Dann zähle ich auf, was zum Gregorianischen Choral dazu gehört. Und im letzten Teil kann ich dann auf die Frage eingehen, warum einstimmig und nicht mehrstimmig.

In vielen Klöstern wird der Gregorianische Choral bis heute gepflegt. Die Mönche kommen mehrmals am Tage in der Klosterkirche zu den gemeinsamen Gebetszeiten zusammen. Die Ordensregel schreibt vor, zu welcher Zeit wieviele Psalmen zu singen sind. Die Psalmen und ihre Einleitungsverse sind die wichtigsten Textvorlagen für den klösterlichen Gesang. Hinzu kommen Hymnen und zahlreiche Antwortgesänge und Gebete.
Das Singen macht also einen wichtigen Teil des Mönchslebens aus. In den Gebetszeiten pflegt die Gemeinschaft einen Gottesdienst, der über lange Zeit überliefert worden ist. Ihre Gesänge sind Gebete. Ihre Worte bedeuten religiöses Handeln. Die einstimmigen Gesänge ohne festen Rhythmus wirken medidativ. Die Mönche erfahren durch die Musik die Nähe zum transzendenten Gott.
Musik führt zu Gott, weil sie bei Gott ihren Ursprung hat.
Diese Auffassung von Musik im Zusammenhang mit Religion, ist in vielen Kulturen der Welt verbreitet.

Das also ist die Bedeutung des Gesangs im Kloster.

Wie geht das nun vor sich, wenn die Mönche in den Gebetszeiten Psalmen singen?
Jedem Psalm ist ein kurzer Einleitungsvers vorangestellt. Diesen Vers nennt man Antiphon. Er dient vorallem dazu, die Tonart anzugeben. Der Chorleiter singt ihn solo. Die Worte des Verses fassen den Sinn das dazugehörigen Psalms zusammen und verstärken so die Aussage der biblischen Worte. Antiphone können auch zwischen und nach den Psalmen stehen.
Ebenfalls vor, zwischen oder nach den Psalmen wird das sogenannte Kleine Gloria gesungen. Es ist eine kurze Lobpreisung auf den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.
Zu den Psalmen werden Hymnen gesungen. Die Hymnen sind Dichtungen, meist mit Texten, die nicht aus der Bibel stammen. Die Auswahl ist je nach Gebetszeit verschieden. Oft werden in ihnen die Tageszeiten besungen – Sonnenauf- und Untergang. Morgens bittet der Mönch Gott für Kraft für die Geschicke des Tages. Abends für einen ruhigen gesegneten Schlaf.
Ich zitiere hier aus einem Hymnus, der gemäss dem Stundenbuch am Mittwoch in der Vesper gesungen wir. Da heisst es:
Und wenn das tiefe Dunkel der Nacht den Tag geschlossen, kenne der Glaube keine Finsternis, und die Nacht leuchte im Glaubenslichte.

Frei von schlüpfrigem Sinne möge von Dir träumen des Herzens Grund, damit uns nicht durch die List des neidischen Feindes Entsetzen wecke aus der Ruhe.

Wir sehen also: Die Gesänge des Klosters sind eng mit dem Leben der Menschen dort verbunden. ängst und Sorgen, aber auch Freude, kommen in den Liedern zum Ausdruck.

Zu Psalmen, Antiphonen und Hymnen kommen dann noch die festlicheren Marien- und Heiligen-Gesänge dazu. Sie werden an besonderen Festtagen und zu bestimmten Jahreszeiten gesungen. Ein berühmter Marien-Gesang ist das Salve Regina. Es wird während des ganzen Jahres immer in der letzten Gebetszeit des Tages am Schluss gesungen.

Die Gesänge werden in zwei unterschiedlichen Arten vorgetragen. Besonders die festlichen Gesänge und die Hymnen werden in der melismatischen Art vorgetragen. Das heisst: Jede Textsilbe darf mit mehreren Tönen gesungen werden. Ausgeprägt hat sich diese Singweise vorallem beim Alleluja. Dort wurde das a der letzten Silbe in die Länge gezogen. Die Melodie wurde dabei reich ausgeschmückt.

Die einfachere und weniger feierliche Art ist die syllabische Singweise. Hier darf zu jeder Textsilbe nur ein Ton gesungen werden. Der Gesang wirkt dadurch andächtiger und asketischer.

Eine weitere Art des Mönchgesangs, kann man schon fast nicht mehr Singen nennen. Es ist das der sogenante Leseton. Er wird angestimmt, wenn Texte aus der Bibel vorgelesen werden. Mönche nennen dies oft «geradeaus singen». Das wohl darum, weil die Melodie auf einem einzigen Ton basiert und sich nur um wenige Tonschritte nach oben oder unten bewegt.

Nun habe ich also aufgezählt, was im Kloster gesungen wird. Und ich habe eben den Leseton erwähnt. Damit bin ich an dem Punkt angelangt, wo ich erklären muss, woher diese Gesänge überhaupt stammen. Und dann kann ich auch die Frage beantworte, warum sie alle einstimmig sind.

Grundlage für die Form des Stundengebets in den christlichen Klöstern ist die Gottesdienst-Tradition der jüdischen Synagoge. In den jüdischen Versammlungen treffen wir bereits die wichtigsten Bestandteile des christlichen Gottesdienstes an. Es sind dies: Lesung aus den heiligen Schriften, Psalmgebet, Predigt, Gebet und Schlusssegen. Ausser der Predigt wurden auch diese Texte in einem melodischen Leseton vorgetragen. Dieser wird auch Psalmodie genannt.

Das Psalmodieren entsprach den akustischen Anforderungen der Synagogen. In den grossen Räumen ging undeutliches Lesen unter. Die Melodie machte die Worte besser verständlich und hob sie über die Alltagssprache hinaus. Sprachforscher sagen heute, dass nur lautes Sprechen die guten Inhalte einer Rede vermittle. Und darum wurden die Texte im Gottesdienst immer gesungen.

Wichtigstes Ziel ist also, dass die Texte auch verstanden werden. Darum wird im Gottesdienst gesungen. Und es wird eben einstimmig gesungen. Weil im einstimmigen Gesang der Text gut verständlich ist.

Nicht so beim mehrstimmigen Gesang. Weil viele Stimme gleichzeitig singen, kann man nicht dem ganzen Text folgen. So gehen Textteile verloren. Die Zuhörerinnen und Zuhörer in der Kirche bekommen nicht mehr die ganze dogmatische Wahrheit mit. Das war jedenfalls die Meinung verschiedener Päpste, die sich für die Erhaltung und Wiedereinführung des Gregorianischen Chorals einsetzten. Denn durch folkloristische Einflüsse und durch die Entwicklung der musikalischen Möglichkeiten war man auch in den Kirchen und Klöstern vom alten Ideal abgekommen.

Was heute vom ursprünglichen Gregorianischen Choral erhalten ist und weiter gepflegt wird, ist das Resultat der Arbeit von französischen Benediktinermönchen. Sie machten sich an die Restauration der alten Gesänge, nachdem Papst Pius der 10. 1903 die Wiederherstellung des Gregorianischen Chorals erliess.

Entscheidend für die Form des Gregorianischen Chorals war also die Verständlichkeit der heiligen Texte. Die Musik steht also im Dienst des Wortes. Musik ohne Worte hingegen – also Instrumentalmusik – war und ist in der Kirche eher verpönt. So kam es also auch, dass die vielen fröhlichen folkloristischen Gesänge und Tänze in der Kirche keinen Platz mehr hatten. Was ist der Grund dafür?

Es war zur Zeit von Papst Gregor im 7. Jahrhundert, als die römische Liturgie und damit der Gregorianische Choral vereinheitlicht wurde. Damals war durch die Völkerwanderungen vieles in Bewegung geraten. Als die Kirche ihren Einfluss in Europa ausweiten wollte, stützte sie sich auf die Schriften der Apostel und der Kirchenväter. Nur das Festhalten an den alten Texten konnte die Kirche damals stark machen. So bildete sich ein Kult des Wortes. Darum ist die christliche Religion hauptsächlich eine Wort-Religion.

Zum Schluss ist noch zu sagen, dass der Gregorianische Choral aber nicht bloss ein Anachronismus zur Entwicklung der Musikgeschichte ist. Mit der Mehrstimmigkeit begann ab dem 14. Jahrhundert das, was sich bis heute zur westlichen Kunst-Musik weiterentwickelte. Dem gegenüber ist und bleibt der Gregorianische Choral Kult-Musik. Er ist Ausdruck einer noch heute lebendigen Klosterkultur. Die Musik ist ein bedeutsamer Teil der Mönchs-Gemeinschaften und ihrer Spiritualität.

© Stefan Bucher, Februar 2000

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