«Gigantisch!»




Die grossen Bambuskugeln sind die optische Hauptattraktion der Flüchtlingstage 01 in der Zürcher Bahnhofshalle. Ein Besuch bei ihrem Schöpfer, dem Künstler Caspar Schwabe.

Von Stefan Bucher

Man nennt ihn «Mathemagier». Caspar Schwabes Beruf ist es, mit bewegten Objekten wissenschaftliche Phänomene sichtbar und erfahrbar zu machen. «Selbst trockene Wissenschaftler geraten in meinen Vorführungen in euphorische Stimmung», sagt Schwabe.

Caspar Schwabe steht im Atelier in seiner Wohnung im Zürcher Seefeld und entfaltet ein zweidimensionales Rechteck zu einem kugelförmigen Körper. Seine Bewegungen sind flüssig. Mit Drehungen bringt er das Objekt in Form. Zum Schluss setzt er es sich für das Foto auf den Kopf. Begleitet wird die Vorführung von Erklärungen und Kommentaren zu drei-, vier-, fünf- und sechsdimensionalen Gebilden. Der Zuschauer staunt und ist fasziniert.

Bambus-Dom als Weltneuheit

Der Veranstaltungsdom, wie er an den Flüchtlingstagen im Zürcher Hauptbahnhof zu sehen ist, besteht bis jetzt erst in Form von vielen Zeichnungen und einigen Modellen. In der Nacht vom 15. auf den 16. Juni wird der Bambusbau von sechs Leuten aufgestellt – als Weltneuheit, wie es im Programm heisst. «Das stimmt schon. Genau so etwas hat es noch nie gegeben», sagt Caspar Schwabe. Einzigartig ist die Grösse, das Material und die Art, wie der Dom zusammengebaut wird.

«Man muss sich das vorstellen: 14 Meter Durchmesser, neun Meter Höhe. Das ist doch gigantisch! Wir können nichts vorfertigen, weil die Teile so gross wären, dass sie durch keines der Tore des Hauptbahnhofs passten. Wir müssen also alles in der Halle zusammensetzten.» Caspar Schwabe hat 240 Stück fünf Meter lange Bambusstäbe vorbereitet. «Man könnte natürlich auch Aluminiumstäbe nehmen», sagt Schwabe. «Der Bambus ist aber natürlich extrem viel billiger.» Zusammengebunden werden die Hölzer später mit Gummibändern. «Die habe ich per Zufall in einem Gartenbaumarkt gefunden. Die Gummibänder sind wahrscheinlich das teuerste am ganzen Bau.»

Für wenig Geld, mit wenig Personal und in kurzer Zeit ein Gebäude aufbauen. Das sind nicht nur die Vorstellungen der Veranstalter der Flüchtlingstage. Das ist auch die Philosophie, die hinter dem Bauprinzip steckt. Caspar Schwabe erklärt: «Beim Bau handelt es sich um eine Zug-/Druck-Konstruktion. Auf Englisch heisst das Tensigrity.» Das Wort Tensigrity stammt vom amerikanischen Erfinder und Denker Buckminster Fuller (1895–1983). Fuller wollte der Welt zeigen, dass man aus weniger mehr machen kann. So erfand er die extrem leichte, stabile und kostengünstige Dom-Bauweise. «Einmal habe ich Buckminster Fuller persönlich getroffen – und ich habe nicht mal ein Foto gemacht.» Seinem Lehrmeister «Bucky» Fuller erweist Caspar Schwabe dafür mit seinem Riesen-Bambusbau die Ehre: Dem Projekt hat er den Namen «Bamboo-Bucky-Ball» gegeben.

«Schutzraum» für Flüchtlinge

Bekannt wurden die Dome von Fuller auch unter der Bezeichnung «Shelter». Und da knüpften die Veranstalter der Flüchtlingstage an. «Shelter» – auf Deutsch «Schutzraum», «es Dach über em Chopf» (Schwabe) –, das wünschen sich Flüchtlinge am dringendsten. «Das Schlimmste ist doch, wenn man sein Zuhause verliert», sagt Caspar Schwabe. Mit den Halbkugeln baut er ein Symbol für den Schutz der Flüchtlinge.

«Zwischen Zug und Druck besteht eine grosse Spannung. Man hat herausgefunden, dass Spannung für den Menschen Wohlbefinden bedeutet. Denn Starrheit, das bedeutet Tod. Das ist doch interessant.» Schwabe, der gelernte Bildhauer, ist ins Sinnieren gekommen. Interessant sei ausserdem, dass die Bambusgloben in ihrer Struktur der der meisten Viren entsprächen. «Es sind die gleichen Symmetrien». Genau: die Fünfersymmetrie. «Das ist die schönste Symmetrie im Universum. Die Wissenschaftler nennen sie "Tunnel der Liebe"». Als Vertretung der Schweiz reist Caspar Schwabe an den internationalen Symmetriekongress in Sydney. Der Autodidakt in Sachen Geometrie und Mathematik macht mit seinen Objekten in der ganzen Welt Ausstellungen und hält Vorträge. 1984 war er an der «Phänomena» mit dabei, 1991 an der «Heureka» und zuletzt am Wissenschaftsfestival «Science et cité».

«Als Nicht-Akademiker bin ich unter den Wissenschaftler so etwas wie der Clown», sagt Caspar Schwabe. Mit grossen, strahlenden Augen und freundlicher Stimme gewinnt er die Herzen der Menschen für die Schönheit der geometrischen Formen. – Der Mathemagier zaubert.



Wissen erleben

Unter Anleitung von Caspar Schwabe und Daniel Simmen können an den Flüchtlingstagen Flüchtlinge, Jugendliche, Passantinnen und Passanten an vier Bambus-Globen mitbauen. Welche Erfahrungen macht man dabei? «Es geht einem ein Licht auf», so Caspar Schwabe, «wie wenig es braucht, um etwas so Grosses zu bauen». Aus Low-Tech-Materialien entstehe ein High-Tech-Bau, sagt Schwabe. Und das Wissen, wie so etwas funktioniert, das sei bei jedem Menschen intuitiv vorhanden. «Wenn ich einem Kind sage "bau etwas!", dann fängt es einfach an zu bauen.» Es sei erstaunlich, wie wenig dieses Wissen bei uns genutzt werde.


Bauanleitung

Ein kleiner Bambus-Globus besteht aus 360 Stück 1,8 Meter langen Bambusstäben. Es entsteht eine Kugel mit einem Durchmesser von 5 Metern und einem Gewicht von 50 Kilogramm.

Zur Vorbereitung müssen zuerst 80 Stück 3-Ecke gebaut werden. Daraus gibt es 40 Stück 6-Ecke und in einem weiteren Schritt 20 Stück 12-Ecke.
Dazu werden 24 Stück 5-Zack-Sterne gebaut und aus ihnen 12 Stück 10-Zack-Sterne.
Das sind die Grundelemente. Sie entsprechen den Teilen, aus denen auch ein Fussball zusammengesetzt ist.
Jetzt beginnt der Bau der Kugel:
  1. Ein Stück 10-Zack in die Mitte auf den Boden legen und rund herum 5 Stück 12-Zacke anfügen. Die Teile mit Gummibänder zusammenbinden.
  2. Den 10-Zack vom Boden heben und die 5 12-Zacke auch gegenseitig miteinander verbinden. Das Resultat ist die Kuppe des Doms.
  3. Mittlerer 10-Zack weiter anheben und weitere 5 Stück 10-Zacke in die Lücken zwischen den zusammengefügten 12-Zacke einsetzen und befestigen.

  4. Weitere 5 Stück 12-Zacke anfügen. Die Hälfte der Kugel ist jetzt gebaut.

  5. Eine zweite Halbkugel bauen und dann die beiden Hälften zusammensetzen.

© Stefan Bucher, Juni 2001