Leckerbissen für Bedürftige

Von Armut Betroffene können im Bethaus in Wiedikon jeden Mittwoch Lebensmittel gegen ein Entgeld von einem Franken beziehen. Dies ist möglich dank des Einsatzes von «Tischlein deck dich».


Im Jugendkeller des Bethauses der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Wiedikon sind vier grosse Tische mit Lebensmitteln belegt. Es hat Teigwaren, Kartoffelchips, Salat, Käse, Joghurt. Auch Champignons, vorgeschälte Knoblauchzehen und eine exotische Sternfrucht liegen bereit. Mit einem herzlichen «Grüezi» empfängt die freiwillige Helferin einen Mann, der gekommen ist, um von den Lebensmitteln etwas mitzunehmen. Als symbolischen Beitrag bezahlt er dafür einen Franken. «Bitte zeigen sie ihren Bezugsausweis», fährt die Helferin freundlich fort.
Der Mann hat von einer Sozialstelle eine Bescheinigung erhalten, dass er ein Mal pro Woche für den Bezug von Lebensmitteln berechtigt ist. «Wir haben städtische und private Sozial- und Beratungsstellen über unseren neusten Verteilstandort in Wiedikon informiert», sagt Samuel Sägesser, Geschäftsführer des Vereins «Tischlein deck dich». «Unser Angebot richtet sich an Sozialhilfebezügerinnen und -bezüger, Bedürftige und von Armut Betroffene.»

250 000 Tonnen Lebensmittel

Der Verein «Tischlein deck dich» verteilt Lebensmittel, deren Verfalldatum bald erreicht, die aus Überproduktionen stammen oder deren Verpackung beschädigt ist. Mit eigenen oder gesponserten Fahrzeugen sammeln die Mitarbeiter die Waren bei den Grossverteilern ein. «In der Schweiz werden jedes Jahr über 250 000 Tonnen Lebensmittel weggeworfen», erklärt Samuel Sägesser. «Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, einen Teil davon vor der Vernichtung zu retten.» Hauptsponsor von «Tischlein deck dich» ist die Bon-appétit-Gruppe (PickPay, Usego). Sie stellt dem Verein neben Lebensmitteln auch Lagerraum und Logistik zur Verfügung. Die neu eröffnete Abgabestelle in Wiedikon ist die dritte in der Stadt Zürich. «Das Bethaus eignet sich ideal: zentrale Lage und gut ereichbar», sagt Beat Rajchman von der Kirchgemeinde Wiedikon. Er hatte die Idee, als Abgabestelle beim Projekt mitzumachen, in die Kirchgemeinde hineingebracht. «Wir sind der Meinung, dass wir mit dieser Arbeit eine grosse Wirkung im Quartier erzielen können», sagt Rajchman.
Jeden Mittwoch von 17 Uhr bis 18.30 Uhr findet von jetzt an die Verteilung von Lebensmitteln an der Schlossgasse 10 statt. «Die Öffnungszeiten der Abgabestelle in Wiedikon sollen auch berufstätige Bedürftige – sogenannte Working Poor – ansprechen», sagt Samuel Sägesser. Das Anliegen, die noch einwandfreien Lebensmittel an Menschen weiterzugeben, treibt den ehemaligen Manager seit knapp einem Jahr unermüdlich und erfolgreich an. Jetzt hofft er, dass auch in Wiedikon die Aktion erfolgreich werden wird.
Stefan Bucher


Erschienen im «Zürich West», 15. Mai 2003

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