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Türke und Schweizer



Der Kampf für die Menschenwürde ist sein Leben. Angefangen hat er in der Türkei. Seit zwanzig Jahren führt Mehmet Kivrak den Kampf in der Schweiz weiter. Der ehemalige politische Flüchtling hat heute den Schweizer Pass.

Von Stefan Bucher
Ich treffe Mehmet Kivrak im «tampi», einem Lokal im Zürcher Kreis 5. Er steht hinter der Bar und trocknet mit einem Handtuch Gläser aus. Mehmet Kivrak ist der Geschäftsführer des Restaurants. Dazu leitet er das Reinigungsunternehmen «Kamöko». Und Kivrak ist in zahlreichen politischen Gruppierungen und Komitees aktiv.

Wir setzen uns an einen der langen Tische im Lokal. Mehmet Kivrak hat sich an der Theke noch eine einzelne Zigarette geholt, die er sich jetzt anzündet. Der Mann passt in sein Lokal. So einfach und dezent wie die Ausstattung ist auch Kivraks Kleidung: Poloshirt, Combat-Hose, blasse eher dunkle Farben. Im Lokal dominiert Braun (Tische, Stühle, Boden) und Weiss (Wände). In der tiefen Fensterauslage liegen Prospekte, Flyer, Informationen. Es erklingt türkischer Ambiente-Pop aus den Lautsprechern.

Politik aus dem Alltag

Im Zürcher Kreis 5 spielt sich heute Mehmet Kivraks Leben ab. Hier hat er seine Geschäfte, hier kauft er ein – beim Türken, beim Italiener, beim Spanier –, grüsst die Menschen und spricht mit ihnen. «Wenn du im Kreis 4 und 5 durch die Strassen gehst, siehst du die Probleme der Menschen», sagt Mehmet Kivrak. Er spricht Hochdeutsch. «Ich bin ein sehender und denkender Mensch. Was in meiner nächsten Umgebung abläuft, kann mich nicht einfach nicht interessieren.» Weil die aktuellen Probleme ins Auge stechen, will Mehmet Kivrak alternative Lösungen suchen. Das Politische liegt auf der Strasse. Kivrak ist einer, der es aufheben und zur Sprache bringen will.

Mehmet Kivrak war Gemeinderatskandidat für die «Migrationsplattform» der Alternativen Liste (AL) und der Partei der Arbeit (PdA) bei den Zürcher Parlamentswahlen im März dieses Jahres. Mit seinen rund 500 Stimmen hat er den Sprung ins Stadtparlament nur knapp verpasst. «Es ist ein mehr als 20 Jahre dauernder politischer Kampf für die Rechte von Migrantinnen und Migranten», sagt Kivrak. In Wirklichkeit dauert der Kampf des 40-Jährigen schon länger.

Ein Schlüsselerlebnis war der 1. Mai 1977. Mehmet Kivrak erzählt:
«Ich war 14 oder 15 Jahre alt, als ich 1977 zum ersten Mal an einer Demo teil nahm – am 1. Mai in Istanbul. Ich habe in linken Gruppen mit gemacht. 500‘000 Menschen nahem an der Demo teil. Dann, wegen einer Provokation der Sicherheitskräfte, kam es zu Ausschreitungen. 1‘000 Menschen wurden verletzt, 37 wurden getötet. Unter den Toten war eine Schulfreundin von mir. Seit diesem Tag bin ich an jeder 1.-Mai-Demo dabei. Es ist wie ein Versprechen, das ich einhalten werde, jedes Jahr meiner getöteten Kollegin zu gedenken. So ist jeder 1. Mai noch heute eine Erinnerung an das, was an meiner ersten Demo geschah.»

Flucht und Asyl

Aus dem jungen Kivrak wurde ein prominenter Aktivist der türkischen Studenten- und Gewerkschaftsbewegung. Nach dem Militärputsch von 1980 musste er flüchten und kam in die Schweiz. «Ich wusste damals nicht, dass ich ein Asylgesuch einreichen musste», erzählt Mehmet Kivrak. Bis ein Freund ihn nach zwei Jahren darauf aufmerksam machte, lebte er als Papierloser in der Schweiz und schlug sich mit Arbeiten auf einem Bauernhof durch. Nach dem Asylantrag musste Kivrak nicht mehr lange auf die Anerkennung als politischer Flüchtling warten. Bereits nach drei Monaten hatte er den positiven Entscheid aus Bern bekommen.

Wie beschreibt Mehmet Kivrak seine politische Grundhaltung?
Wenn Mehmet Kivrak nachdenkt, senkt er den Kopf oder schaut in die Leere des Raums. Jetzt fällt mir sein Profil auf. Sein Gesicht wirkt in der Seitenansicht strenger.
Ich biete eine Auswahl an: Sind Sie Kommunist, Liberaler, Sozialdemokrat?

«Im Grunde ist meine politische Haltung eine marxistische. Ich kann aber nicht sagen, ich sei Marxist oder Kommunist. Mir geht es um alternative Lösungen zu aktuellen Problemen. Wichtig sind mir dabei Gleichberechtigung, Respekt und Kommunikation unter den Menschen. Es geht auch um Solidarität.»

In zahlreichen Bewegungen und Organisationen hat Kivrak denn auch mitgewirkt. Schon 1982 war er bei der Gründung des 1.-Mai-Komitees mit dabei. 1983 gründete er das Asyl-Komitee, das sich gegen Verschärfungen im Asylgesetz einsetzte, im gleichen Jahr «Radio Lora» und 1990 das «Anti-Rassismuss-Komitee». Bei der PdA hat er 1990 die Migrantinnen- und Migranten-Gruppe ins Leben gerufen.

Für die Schwachen

Mehmet Kivrak kämpft auf politischem Terrain. Und dennoch sagt er: «Das sind keine politischen Forderungen. Es ist für die Menschenwürde.»
Mit den Leuten von der AL arbeitet Mehmet Kivrak an einem Konzept für eine Integrationspolitik. «Wir fordern kostenlose Sprachkurse für Migrantinnen und Migranten, weil es ohne Sprache keine Integration gibt. In den Kursen soll neben der Sprache auch die schweizerische Kultur und Geschichte erklärt werden, damit Migrantinnen und Migranten die Gesellschaft und die Ordnung in diesem Land verstehen lernen.»

Macht es Mehmet Kivrak nichts aus, mit seinen Meinungen zu einer politischen Minderheit zu gehören?
«Nein. Als Angehöriger einer Minderheit bin ich ganz konkret von Problemen betroffen. Das macht mich produktiv, sehr bewusst in meinem Kampf und stark.»

Es ist der Kampf der von der offiziellen Politik ausgeschlossenen ausländischen Minderheiten, die in den Strassen der Kreise 4 und 5 zu Hause sind. In einem Pamphlet der «Migrationsplattform» schreibt Mehmet Kivrak: «Die rassistischen Vorurteile sind alltäglich auf der Strasse sichtbar. Hier werden viele Ausländerinnen und Ausländer oft mit Drogen, Kleinkriminalität und Prostitution in Verbindung gebracht. Drogen und Kriminalität sind kein ausländerspezifisches Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Meistens sind jedoch ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger die Opfer der gewaltigen Repressionsmaschinerie des Staatsapparates.»

Mehmet Kivrak ist Schweizer geworden. Über den roten Pass mit dem weissen Kreuz hat er sich gefreut. Aus zwei Gründen, erzählt Kivrak: «Erstens konnte ich mit dem Schweizer Pass ohne Visum reisen und zweitens bekam ich das Recht, offiziell für politische Wahlen anzutreten.»

Gedanken über die Politik

Ich treffe mich ein zweites Mal mit Mehmet Kivrak im «tampi». Diesmal führt er mich in sein Büro gleich gegenüber auf der anderen Strassenseite. Im hinteren Teil eines Ladenateliers hat sich Mehmet Kivrak eingemietet. Von hier aus koordiniert er die Einsätze seines Reinigungsunternehmens. Mehmet Kivrak sitzt in seinem Stuhl. Sein kurz geschnittenes, grau meliertes Haar ist seit unserem letzten Treffen etwas gewachsen. Scheitel, Stirn, Augen – hier scheint die Denkkraft und auch die Güte verborgen zu sein, die einem in Mehmet Kivrak begegnen.

Wir unterhalten uns über die politische Lage, es ist von der Politikmüdigkeit der Schweizerinnen und Schweizer die Rede. Mehmet Kivrak liefert Erklärungen und spricht von den Schwächen der Sozialdemokraten. Er analysiert kühl und präzise. Was macht ihm politisch Angst?

Sein Blick wandert wieder ins Leere. «Die Identität zu verlieren», kommt die Antwort. Es folgt die Erklärung: «Die Menschen geben sich eine Identität: zunächst eine persönliche bis zu einer nationalen Identität. Angst haben die Menschen dann, wenn sie fürchten ihre Identität zu verlieren. Die Schweizerische Identität wird scheinbar bedroht von der Europäischen Union und von den Ausländern. Aus der Angst folgt die Absicht, sich vor fremden Elementen schützen zu müssen. Ein Schlüssel zu einer Lösung in dieser Frage sehe ich im Blick auf die USA. Dort leben Menschen verschiedenster Herkunft und Ethnien und alle sagen: ‹ich bin Amerikaner›. Ich sage dem Dachidentität. Alle ethnischen Kriege sind ein Streit um die Anerkennung der Identität. Eine friedlich Lösung gäbe es dann, wenn eine gleichberechtigte Anerkennung verschiedener Identitäten unter einer Dachidentität möglich wird.»
Was ist Mehmet Kivraks Identität?
«Ich bin Türke. Und meine Dachidentität ist Schweizer.»

Klein-Unternehmer

Mehmet Kivrak ist Türke, Schweizer, Politiker und dazu auch noch Unternehmer. «Obwohl ich Geschäftsinhaber bin, muss ich mit 3‘300 Franken im Monat auskommen», sagt er. «Ich bin ein Kleinunternehmer und ich will klein bleiben. Mein Ziel ist es, stabile Unternehmen zu führen und davon leben zu können. Das funktioniert jetzt seit fünf Jahren. Wie lange ich es schaffe, weiss ich nicht.»
Ist der immerzu Beschäftigte auch einmal müde? «Wenn du den Tag mit einer guten Moral und klaren Zielen anfängst, dann hast du die Energie, die du brauchst.»
Rund 60 Prozent seiner Zeit setze er für politische Arbeit ein, sagt Kivrak. Neben den Schweizer Aktivitäten ist er auch in türkischen Gruppen engagiert. «Wir versuchen, die Demokratisierung in unserem Heimatland voranzubringen.»

Mehmet Kivrak reicht mir die Hand. Er muss gehen. Am Handy hat er vorher einen Termin abgemacht. Vielleicht ist es ein Reinigungsauftrag, vielleicht ein Einsatz hinter der Bar seines Restaurants, vielleicht eine Sitzung mit der «Migrationsplattform» oder eine Besprechung mit türkischen Freunden.
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